Drei Körper, drei Lebenswege
Die bei uns gehaltene Honigbiene heißt Apis mellifera. Ihr Volk besteht überwiegend aus weiblichen Arbeiterinnen, meist einer Königin und während der Fortpflanzungszeit auch männlichen Drohnen. Arbeiterinnen versorgen die Brut, bauen Waben, verarbeiten Nahrung, bewachen das Nest und sammeln draußen. Die Königin legt die Eier. Drohnen können sich mit jungen Königinnen paaren und damit das Erbgut ihres Herkunftsvolkes weitergeben.
Arbeiterin und Königin entstehen normalerweise aus befruchteten Eiern. Aus einem unbefruchteten Ei entwickelt sich ein Drohn. Welche weibliche Larve zur Königin wird, hängt wesentlich von ihrer Versorgung während der Larvenzeit ab. Es gibt keine besondere „Königinnen-Eiersorte“. Königinnenlarven erhalten reichlich besonderen Futtersaft und wachsen in Weiselzellen auf.
Vom Ei zur erwachsenen Biene
Alle drei Bienenwesen durchlaufen Ei, Larve und Puppe. Unter normalen Bedingungen schlüpft eine Königin ungefähr 16 Tage nach der Eiablage, eine Arbeiterin nach 21 und ein Drohn nach 24 Tagen. Das sind typische Entwicklungszeiten, keine minutengenauen Fristen. Temperatur und Zustand des Volkes können den Ablauf beeinflussen.
Der Schlupf ist erst der Beginn des Erwachsenenlebens. Eine junge Arbeiterin hat damit noch keine drei Wochen als Sammlerin hinter sich. Sie beginnt zunächst im Stock; auch Drohnen brauchen nach dem Schlupf weitere Zeit, bis sie paarungsfähig sind.
Ein Lebenslauf ohne festen Stundenplan
Junge Arbeiterinnen halten Zellen sauber und pflegen später Larven und Königin. Weitere Aufgaben sind Vorratspflege, Wabenbau und Arbeiten am Flugloch. Viele wechseln nach etwa zwei bis drei Wochen zum regelmäßigen Sammeln. Diese Reihenfolge ist eine Orientierung. Aufgaben überschneiden sich, und nicht jede Biene übernimmt jede Tätigkeit.
Fehlen Sammlerinnen, können jüngere Tiere früher hinausfliegen. Braucht das Volk mehr Brutpflege, können ältere Bienen wieder Aufgaben im Stock übernehmen. Forschung zur Arbeitsteilung zeigt diese Anpassungsfähigkeit. Das Volk besitzt keinen festen Dienstplan: Alter, körperlicher Zustand, Nahrung und die Bedürfnisse der Gemeinschaft wirken zusammen.
Aus Wachs wird ein gemeinsames Zuhause
Arbeiterinnen erzeugen Wachs in Drüsen an der Unterseite ihres Hinterleibs. Kleine Wachsschuppen werden mit den Mundwerkzeugen weiterverarbeitet und zu Zellen geformt. Für die Produktion braucht das Volk Energie aus seiner Nahrung. Auch hier hängt die Tätigkeit vom Zustand der Bienen und dem Bedarf der Gemeinschaft ab.
Eine Wabe ist zugleich Kinderstube, Vorratslager und Arbeitsraum. In den Zellen wächst Brut heran; andere enthalten Pollen oder Honig. Drohnenzellen sind größer als Arbeiterinnenzellen, Weiselzellen besitzen eine andere Form. Die Wabenstruktur verbindet viele Aufgaben auf engem Raum. Sie ist weder nur Honiglager noch ein von der Königin vorgegebenes Bauwerk.
Wie aus einer Larve eine Königin wird
Königinnen und Arbeiterinnen beginnen ihr Leben gewöhnlich mit denselben Möglichkeiten. Während der Larvenzeit führen Unterschiede in Menge, Zusammensetzung und Verlauf der Fütterung zu unterschiedlichen Körpern. Alle jungen Larven bekommen Futtersaft; Königinnenlarven werden besonders reichlich und über ihre Entwicklung hinweg anders versorgt. Ein einzelner „Königinnenstoff“ erklärt diesen Umbau nicht ausreichend.
Eine Weiselzelle bietet Platz für diese Aufzucht. Wenn eine Königin verloren geht, können Arbeiterinnen auch eine geeignete junge Larve aus einer Arbeiterinnenzelle auswählen und deren Zelle erweitern. Eine geschlüpfte Königin besitzt stärker entwickelte Eierstöcke und einen langen Hinterleib. Sie ist auf die Versorgung durch Arbeiterinnen angewiesen. Ihr besonderes Aussehen macht sie nicht zur Befehlshaberin des Volkes.
Begattung und jahrelange Speicherung
Eine junge Königin unternimmt bei passenden Bedingungen Orientierungs- und Begattungsflüge. Sie paart sich gewöhnlich mit mehreren Drohnen aus verschiedenen Völkern. Eine erfolgreiche Paarung endet für den Drohn tödlich: Sein Begattungsorgan wird irreversibel ausgestülpt, er fällt ab und stirbt kurz darauf. Viele Drohnen erreichen keine Königin.
Die Königin speichert Spermien in ihrer Spermatheka. Ein Teil bleibt über Jahre nutzbar. Erst bei der späteren Eiablage werden damit Eier befruchtet. Ihre Legeleistung verändert sich mit Jahreszeit und Versorgung. „Befruchtet gleich weiblich“ ist eine praktische Grundregel mit genetischen Ausnahmen: Unter bestimmten Kombinationen am Geschlechtsbestimmungsgen können auch aus befruchteten Eiern männliche Tiere entstehen.
Drohnen: Erbgut unterwegs
Der gewöhnliche Drohn entsteht aus einem unbefruchteten Ei. Er hat nur einen Chromosomensatz und keinen genetischen Vater. Trotzdem ist er kein Klon der Königin: Bei ihrer Eibildung wird das mütterliche Erbgut neu kombiniert. Drohnen besitzen große Augen, kräftige Flugmuskeln und keinen Stachel.
Nach dem Schlupf brauchen sie ungefähr ein bis zwei Wochen bis zur Geschlechtsreife. Danach können sie wiederholt ausfliegen und mehrere Luftsammelplätze besuchen, an denen Drohnen unterschiedlicher Völker zusammenkommen. Junge Drohnen werden stark von Arbeiterinnen gefüttert; ältere können auch selbst Honig aus Wabenzellen aufnehmen. Sie sammeln gewöhnlich keine Nahrung für das Volk. Bei nachlassendem Nahrungsangebot und zum Ende der Fortpflanzungssaison werden viele aus dem Stock gedrängt. Der Zeitpunkt ist kein fester Herbsttermin.
Wie das Volk miteinander in Verbindung bleibt
Bienen tauschen Informationen über Berührungen, Gerüche und Bewegungen aus. Eine erfolgreiche Sammlerin kann mit dem Schwänzeltanz die Richtung und Entfernung einer ergiebigen Nahrungsquelle anzeigen. Gerüche helfen anderen Sammlerinnen zusätzlich, die gesuchte Blüte zu finden. Der Tanz ist kein Befehl, sondern eine Information, die andere Tiere nutzen können.
Auch die Königin wirkt mit ihren Duftstoffen am Zusammenleben mit. Sie lenkt dennoch nicht jede Tätigkeit. Für ihre Ernährung und Pflege ist sie auf Arbeiterinnen angewiesen. Der Name „Königin“ beschreibt deshalb ihre Fortpflanzungsrolle nur unvollkommen.
Wenn ein Volk sich vermehrt
Schwärmen ist die natürliche Vermehrung auf Volksebene. Wachstum und Platz spielen eine Rolle; auch Königinnenalter, genetische Veranlagung und das Verhältnis zwischen Brut und Pflegebienen beeinflussen den Ablauf. Beim Vorschwarm verlässt die alte Königin mit einem Teil der Arbeiterinnen das Nest. Im Herkunftsvolk sind junge Königinnen vorbereitet.
Der Schwarm sammelt sich zunächst häufig als Traube. Kundschafterinnen erkunden mögliche Nistplätze und tauschen durch Tänze und weitere Signale Informationen aus. Die Wahl entsteht aus ihrem Zusammenwirken. Die Königin sucht nicht allein die neue Wohnung. Nachschwärme mit jungen Königinnen sind möglich; eine Teilung ist kein garantierter Erfolg für beide entstehenden Völker.
Das Volk verändert sich mit den Jahreszeiten
Im Frühling wächst das Brutnest, im Sommer können Sammelflüge und Vorratshaltung besonders intensiv sein.
Später nimmt die Brutaktivität meist ab. Langlebigere Winterbienen tragen das Volk durch die kalte Jahreszeit und versorgen im Frühjahr die nächste Generation. Bei Kälte sitzen die Tiere in einer Wintertraube und erzeugen Wärme mit ihrer Flugmuskulatur. Sie halten keinen Winterschlaf. Das einzelne Sommerleben dauert häufig nur wenige Wochen; die Gemeinschaft kann Generationen überdauern.
Quellen & weiterführende Informationen
- LWG: Biologie der Bienen
- Rueppell et al.: Aging and demographic plasticity in honeybees
- Universität Würzburg: Forschung zum Schwänzeltanz
- LWG: Bienenpflege im Jahresverlauf
- Washington State University: Honey Bees and Other Pollinators
- Johnson (2010): Division of labor in honeybees
- Slater, Yocum & Bowsher (2020): Diet quantity influences caste determination in honeybees
- Brutscher et al. (2019): Putative Drone Copulation Factors Regulating Honey Bee Queen Reproduction and Health
- Penn State University: Honey Bee Genetics Basics
- Woodgate et al. (2021): Harmonic radar tracking reveals that honeybee drones navigate between multiple aerial leks
- Richardson et al. (2024): Pheromone relay networks in the honeybee
- Seeley et al. (2012): Stop signals provide cross inhibition in collective decision-making by honeybee swarms