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Das Hummeljahr

Ein Staat für einen Sommer

Eine große Hummel sucht im niedrigen Flug den Boden ab. Sie verschwindet zwischen Halmen, kommt wieder hervor, zieht weiter. Was wie zielloses Brummen aussieht, kann die Suche nach einem Zuhause sein. Bei vielen heimischen Hummelarten beginnt hier ein ganzes Volk – mit einer einzigen Königin, die zunächst alles allein schaffen muss.

Weiße Frühlingsblüten hängen zwischen grünen Blättern über dem Boden.
Frühe Blüten aus unserem Bildarchiv. Für eine Hummelkönigin beginnt das neue Jahr mit der Suche nach Nahrung. Foto: Bertram Reich. Bildnachweis

Der Frühling hat eine Überlebende

Die Luft ist noch kühl, die ersten Blüten öffnen sich. Unter ihnen erscheint eine Hummel, kräftig gebaut und dicht behaart. Bei den meisten heimischen sozialen Hummelarten sind die früh im Jahr fliegenden Tiere überwinterte Königinnen. Ihre Mutter, die Arbeiterinnen des vergangenen Sommers und die Männchen haben den Winter gewöhnlich nicht überlebt. Von der alten Gemeinschaft bleiben junge Königinnen, jede für sich.

Eine solche Königin trägt bereits die Voraussetzungen für ein neues Volk in sich: Sie hat sich im Vorjahr gepaart. Zuerst braucht sie jedoch Nahrung. Nektar liefert Energie; Pollen wird für den Aufbau des Nachwuchses gebraucht. Die ersten erreichbaren Blüten sind damit weit mehr als ein hübsches Frühlingszeichen. An ihnen hängt der nächste Schritt einer Geschichte, die im vergangenen Sommer begonnen hat.

Ein Zuhause zwischen Wurzeln und Halmen

Bei der Nestsuche kann eine Königin langsam über den Boden fliegen, Öffnungen prüfen und wieder verschwinden. Ein verlassenes Mäusenest bietet manchen Arten einen geeigneten geschützten Hohlraum mit isolierendem Material. Andere suchen oberirdisch, etwa in dichter Vegetation oder Baumhöhlen. Baumhummeln können auch einen Vogelnistkasten nutzen. Es gibt keine Hummelwohnung, die für jede Art passt.

Im Inneren entsteht zunächst eine kleine Kinderstube. Wachsbauten und Vorratsgefäße helfen, Brut und Nahrung unterzubringen. Das Nest ist keine Miniatur eines Honigbienenstocks mit langen, regelmäßig angeordneten Waben. Seine Struktur wächst mit dem Nachwuchs und den Bedürfnissen der Gemeinschaft. Wer einmal einen Nesteingang entdeckt, sieht von all dem meist nur das kleine Tor: eine Öffnung, aus der gelegentlich ein Brummen kommt und später immer häufiger jemand zurückkehrt.

Mutter, Sammlerin und Heizung zugleich

In dieser Gründungsphase gibt es noch keine Arbeiterinnen. Die Königin legt ihre ersten befruchteten Eier, sammelt draußen Nektar und Pollen und versorgt die heranwachsenden Larven. Aus diesen ersten Nachkommen werden gewöhnlich weibliche Arbeiterinnen. Zugleich erzeugt sie mit ihrer Flugmuskulatur Wärme und gibt sie an die Brut ab. Das Zusammenspiel von Eiablage, Nahrungssuche und Wärmeerzeugung kennzeichnet den Beginn des Hummelstaates.

Jeder Sammelflug bedeutet deshalb eine Unterbrechung der Fürsorge im Nest; jedes Bleiben kostet Nahrung. Die Königin muss beides miteinander verbinden. Eine Blütenlücke oder längere schlechte Witterung trifft jetzt eine Gemeinschaft, die noch aus einer Mutter und ihrer unselbstständigen Brut besteht. Nicht jede Gründung gelingt. Das spätere Gewimmel auf einer Sommerblüte lässt leicht vergessen, wie schmal der Anfang dieses Lebensweges ist.

Der Tag, an dem sie Hilfe bekommt

Nach Ei, Larvenzeit und Verpuppung schlüpfen die ersten Töchter. Mit ihnen verändert sich das Nest grundlegend. Arbeiterinnen übernehmen Sammelflüge, Brutpflege und andere Aufgaben. Die Königin kann nun stärker bei der Eiablage bleiben. Aus der allein arbeitenden Gründerin wird die Mutter einer wachsenden Gemeinschaft.

Hummelvölker bleiben dabei meist deutlich kleiner als Honigbienenvölker. Ihre Größe unterscheidet sich mit Art, Jahreszeit und Versorgung erheblich. Auch die Arbeiterinnen eines Nestes können verschieden groß sein. Eine winzige Hummel auf einer Blüte ist deshalb nicht automatisch eine andere Art als eine größere daneben. Vor allem ist sie kein nebensächliches Tier: Mit jedem zurückgebrachten Pollenpäckchen trägt sie dazu bei, dass die nächsten Larven heranwachsen können. Das Nest lebt von vielen einzelnen Wegen zwischen einer kleinen Öffnung und der Landschaft.

Der Sommer arbeitet auf einen Aufbruch hin

Ein wachsendes Volk bleibt nicht dauerhaft bei der Aufzucht weiterer Arbeiterinnen. Im Verlauf seines Lebenszyklus entstehen auch Männchen und junge Königinnen. Männchen entwickeln sich gewöhnlich aus unbefruchteten Eiern; Arbeiterinnen und Königinnen aus befruchteten. Welche weiblichen Larven zu Königinnen heranwachsen, hängt unter anderem von ihrer Versorgung und von artspezifischen Entwicklungsbedingungen ab. Eine Königin legt also keine schon fertige kleine Königin in die Zelle.

Die jungen Königinnen müssen Nahrung aufnehmen, Reserven aufbauen und sich paaren. Diese Generation verbindet den Sommer mit dem nächsten Jahr. Der Fortpflanzungserfolg eines Hummelvolkes lässt sich deshalb nicht allein an der Zahl seiner Arbeiterinnen ablesen. Eine große Gemeinschaft, die keine überlebensfähigen jungen Königinnen hervorbringt, hinterlässt keinen neuen Staat. Und die kleinen Körper, die sich jetzt an Blüten stärken, tragen eine Zukunft, die man ihnen von außen kaum ansieht.

Am Ende zieht niemand gemeinsam um

Beim typischen Jahreszyklus unserer sozialen Hummeln endet das Leben des alten Volkes. Die alte Königin, die Arbeiterinnen und die Männchen sterben im Verlauf der ausgehenden Saison. Das Nest wird keine Wintergemeinschaft wie bei der Honigbiene. Junge begattete Königinnen suchen geschützte Quartiere und gehen in eine Winterruhe, die biologisch als Diapause bezeichnet wird.

Solche Plätze können in lockerem, gut entwässertem Boden, unter Moos, Laub oder anderen geschützten Strukturen liegen. Dort lebt jede Königin von ihren Reserven. Dieser Abschnitt ist ein anderer Zustand als der tägliche Schlaf einer aktiven Biene. Aus einem Nest voller Bewegung werden verstreute, verborgene Überlebende. Der Bumblebee Conservation Trust empfiehlt, geeignete Winterplätze möglichst ungestört zu lassen. Ein Stück liegen gebliebenes Laub kann jetzt einen Lebensabschnitt schützen, den wir gar nicht sehen.

Ein Jahreslauf mit vielen Varianten

„Ein Staat für einen Sommer“ beschreibt ein verbreitetes Muster in unserem Klima, keinen weltweit gültigen Stundenplan. Arten beginnen und beenden ihre Saison zu unterschiedlichen Zeiten. Bei manchen Erdhummeln werden in milden Regionen auch winteraktive Völker beobachtet. Wetter und Nahrung verändern die Möglichkeiten. Ein einzelnes Tier im Herbst lässt sich deshalb nicht zuverlässig allein nach dem Kalender einordnen.

Auch Kuckuckshummeln passen nicht in die Geschichte der allein gründenden Mutter mit eigenen Arbeiterinnen. Ihre Weibchen nutzen die Nester anderer Hummelarten zur Aufzucht ihrer Nachkommen; eine eigene Arbeiterinnenkaste bilden sie nicht. Diese Vielfalt gehört zur Hummelwelt. Sie mahnt beim Beobachten zu einer guten Gewohnheit: erst genau hinsehen, dann benennen.

Eine Blüte besuchen, ein Jahr entdecken

Für einen ersten Blick auf das Hummeljahr genügt ein vertrauter Platz mit Blüten. Besuche ihn im Frühjahr, im Frühsommer und später noch einmal. Notiere Datum, Pflanze und Verhalten. Wird Nektar aufgenommen? Trägt das Tier Pollen an den Hinterbeinen? Kehren Hummeln regelmäßig zu einer bestimmten Öffnung zurück? Ein Foto kann bei der späteren Einordnung helfen. Die Körpergröße allein liefert keine sichere Bestimmung.

Beobachte einen Nesteingang aus Abstand und halte die Flugbahn frei. Um die Geschichte zu verstehen, muss das Nest nicht geöffnet werden. Erhalte lieber passende Blüten und ungestörte kleine Strukturen in der Umgebung. Vielleicht siehst du im nächsten Frühjahr wieder eine große Hummel, die über den Boden sucht. Ob sie aus dem Vorjahresnest stammt, lässt sich ohne Untersuchung nicht wissen. Aber ihr Flug erzählt von derselben Aufgabe: einen Anfang zu finden, aus dem andere leben können.

Quellen & weiterführende Informationen

  1. Bumblebee Conservation Trust: The bumblebee lifecycle
  2. Bumblebee Conservation Trust: Inside a bumblebee nest (PDF)
  3. Iowa State University: Bumble Bee
  4. University of Florida: Bumble Bees of Florida – Biologie und Lebenszyklus
  5. Bumblebee Conservation Trust: Bumblebee nests
  6. Bumblebee Conservation Trust: How to help hibernating bumblebees