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Blüten & Bestäubung

Die Reise eines Pollenkorns

Eine Biene landet in einer Apfelblüte, arbeitet sich zwischen den Staubblättern hindurch und fliegt weiter. Ein paar Pollenkörner reisen auf ihrem Körper mit. Eines davon könnte auf der passenden Narbe landen und an der Entstehung eines Samens beteiligt sein. Zwischen diesem kurzen Besuch und einem reifen Apfel liegen viele Schritte. Die meisten davon geschehen so klein und verborgen, dass wir sie übersehen.

Eine Honigbiene sitzt an einer weißen Blüte vor grünem Hintergrund.
Ein Blütenbesuch aus unserem Bildarchiv. Was weitergegeben wird, entscheidet sich beim Kontakt mit der Blüte. Foto: Bertram Reich. Bildnachweis

Blütenstaub mit einem biologischen Auftrag

Pollen entsteht bei Blütenpflanzen in den Staubbeuteln, den Enden der Staubblätter. Was wir als feinen Staub erkennen, besteht aus einzelnen Pollenkörnern. Sie sind keine fertigen Samen. Sie tragen den männlichen Anteil an der geschlechtlichen Fortpflanzung der Pflanze. Für die Reise eines Pollenkorns kommt es darauf an, eine geeignete Narbe zu erreichen: die Stelle einer Blüte, an der Pollen aufgenommen werden kann.

Nicht jede Blüte ist gleich gebaut. Manche besitzen zugleich Staubblätter und weibliche Blütenorgane. Andere tragen getrennte männliche und weibliche Blüten, auf derselben Pflanze oder auf verschiedenen Pflanzen. Die Wege zwischen ihnen können entsprechend unterschiedlich aussehen. Beim Betrachten einer Apfelblüte lässt sich bereits ein Teil dieser Architektur entdecken. Was aus der Ferne nur wie ein helles Blütenbüschel wirkt, enthält die Ausgangsorte und möglichen Ziele unzähliger kleiner Reisen.

Die Biene kommt wegen ihrer Nahrung

Für die Biene besitzt Pollen eine zweite Bedeutung: Er ist Nahrung. Er liefert unter anderem Eiweiß und Fette, die für Entwicklung und Fortpflanzung wichtig sind. Nektar ist dagegen eine zuckerhaltige Flüssigkeit und eine wesentliche Energiequelle. Aus gesammeltem Nektar kann im Honigbienenvolk Honig werden. Pollen und Nektar stammen also beide aus dem Zusammenhang mit Blüten, haben aber unterschiedliche Aufgaben. Nicht jede Blüte bietet beides an.

Bei Honigbienen fällt gesammelter Pollen häufig als kompaktes Päckchen an den Hinterbeinen auf. Anderer Pollen bleibt lose am Körper haften und kann beim nächsten Blütenkontakt weitergegeben werden. Für die Bestäubung zählt, was eine passende Narbe tatsächlich erreicht. Die sichtbare Größe eines Pollenpäckchens zeigt deshalb nicht, wie erfolgreich dieser Blütenbesuch die Pflanze bestäubt hat. Auch der Nährwert von Pollen unterscheidet sich zwischen Pflanzen. Eine vielfältige Landschaft bietet verschiedene Nahrungsquellen und unterstützt damit mehr als eine einzige Art von Sammelflug.

Der entscheidende Kontakt

Bestäubung bedeutet bei Blütenpflanzen zunächst die Übertragung von Pollen auf eine Narbe. Eine Biene kann diese Verbindung herstellen, wenn sie beim Blütenbesuch die passenden Stellen berührt. Sie muss dafür keinen Plan zur Pflanzenvermehrung verfolgen. Während sie Nahrung sucht, kann ihr Körper Pollen mitnehmen und wieder abgeben. Der Kontakt zwischen Tier und Blüte verbindet zwei Lebensprozesse.

Pollen kann innerhalb einer Blüte, zwischen Blüten derselben Pflanze oder zwischen verschiedenen Pflanzen übertragen werden. Ob daraus später Samen entstehen können, hängt unter anderem von der Pflanzenart und der Verträglichkeit des Pollens ab. Manche Pflanzen können eigenen Pollen nutzen, andere benötigen passenden Pollen einer anderen Pflanze. Auf irgendeiner Blüte zu landen genügt also nicht. Ein Pollenkorn auf der falschen Pflanzenart oder einer nicht empfänglichen Narbe hat sein Ziel nicht erreicht. Ein Blütenbesuch ist eine Möglichkeit zur Bestäubung und keine Garantie für Erfolg.

Nach der Bestäubung geht die Reise weiter

Ein geeignetes Pollenkorn kann auf einer empfänglichen Narbe keimen. Es bildet einen Pollenschlauch, der in Richtung einer Samenanlage wächst. Die männlichen Geschlechtszellen werden durch diesen Schlauch transportiert. Erst die Vereinigung einer solchen Zelle mit der Eizelle ist die Befruchtung. Bestäubung bringt den Pollen an den Ausgangspunkt dieses Vorgangs; Befruchtung ist ein späterer Schritt im Inneren der Blüte.

Bei Blütenpflanzen gehört außerdem eine zweite Verschmelzung dazu, aus der ein Nährgewebe für den entstehenden Embryo hervorgeht. Daher spricht die Botanik von doppelter Befruchtung. Aus der befruchteten Samenanlage kann ein Samen entstehen; der Fruchtknoten entwickelt sich bei vielen Arten zur Frucht oder zu einem Teil davon. Die Biene ist dann längst weitergeflogen. Was ihr Besuch mit ermöglicht hat, wächst ohne sie weiter. Ein Same enthält die Möglichkeit einer neuen Pflanze, aber bis zur Keimung braucht auch er geeignete Bedingungen.

Was wir auf dem Teller wiederfinden

Bei vielen Obst- und Gemüsearten wirkt sich ausreichende Bestäubung auf den Fruchtansatz und auf die Qualität der Ernte aus. Äpfel, Kürbisse und Beeren sind vertraute Beispiele. Für einen Apfelbaum zählt dabei nicht allein, dass viele Tiere unterwegs sind. Passender Pollen muss während der Blüte die empfänglichen Blüten erreichen. Je nach Kultur und Sorte können unzureichend bestäubte Blüten weniger Früchte hervorbringen oder kleine und unregelmäßig entwickelte Früchte entstehen lassen.

Trotzdem hängt nicht jedes Lebensmittel unmittelbar von einem Bienenbesuch ab. Getreide wie Mais wird durch Wind bestäubt; bei Kartoffeln ernten wir Knollen, keine Früchte. Außerdem können manche Pflanzen Früchte ohne vorherige Befruchtung bilden. Solche Unterschiede sind wichtig, wenn es um die Bedeutung von Bestäubern geht. Ihre Leistung braucht keine Geschichte von einem plötzlich leeren Teller. Sie zeigt sich konkret in vielen Früchten, in der Samenbildung und in der Vielfalt dessen, was wir anbauen und was draußen wächst.

Manche Blüten brauchen einen kräftigen Impuls

An einer Tomatenblüte kann man eine besondere Technik beobachten. Hummeln halten sich an der Blüte fest und lassen ihre Flugmuskulatur vibrieren. Die Schwingung löst Pollen aus den Staubbeuteln. Diese Vibrationsbestäubung wird auch „Buzz Pollination“ genannt. Das kurze, veränderte Brummen gehört hier zu einer körperlichen Arbeit an der Blüte, die sich vom gewöhnlichen Anflug unterscheidet.

Tomaten sind gewöhnlich selbstverträglich: Pollen derselben Blüte kann für die Befruchtung geeignet sein. Er muss aber erst freigesetzt und übertragen werden. Auch Bewegung durch Wind kann dabei helfen; Hummeln können durch ihre Vibration eine wirksame zusätzliche Leistung erbringen. Selbstverträglichkeit bedeutet also nicht automatisch, dass jeder nötige Kontakt ohne äußere Einwirkung geschieht. Das Beispiel zeigt, warum verschiedene Blüten und verschiedene Besucher zusammen betrachtet werden müssen. Größe, Körperhaltung und die Art des Sammelns bestimmen mit, ob ein Tier an einer bestimmten Blüte eine gute Verbindung herstellen kann.

Eine Landschaft braucht verschiedene Besucher

Honigbienen tragen viel zur Bestäubung bei. Hummeln, andere Wildbienen und weitere Blütenbesucher haben ebenfalls wichtige Rollen. Eine Untersuchung von Apfelanlagen in Sachsen-Anhalt macht das anschaulich: Wo gleichzeitig blühender Raps Honigbienen anzog, besuchten diese weniger Apfelblüten. An den untersuchten Standorten konnten Hummeln und andere Wildbienen diese Lücke offenbar ausgleichen. Die Apfelbildung blieb im Vergleich zu Anlagen ohne nahen Raps ähnlich.

Dieser Befund bedeutet nicht, dass eine Gruppe überall durch eine andere ersetzt werden kann. Er zeigt den Wert mehrerer Bestäuber in derselben Landschaft. Für wildlebende Bienen reicht dabei die kurze Obstblüte nicht aus: Sie brauchen auch davor oder danach passende Nahrung und Orte für ihre Nester. Wer den Weg des Pollens ermöglichen möchte, betrachtet deshalb mehr als den einzelnen blühenden Baum. Zu ihm gehören der Boden daneben, die Hecke am Rand und Blüten, die erst später im Jahr aufgehen.

Der kleine Versuch mit dem genauen Hinsehen

Wähle eine gut zugängliche Blüte mit sichtbaren Staubblättern. Beobachte einen Besucher aus ruhigem Abstand: Streift sein Körper die Staubbeutel? Kommt er auch an die Narbe heran? Sucht er tief in der Blüte nach Nektar oder arbeitet er an den pollenführenden Teilen? Ein kurzes Video kann helfen, die Bewegung später langsamer anzusehen. Blüten und Tiere dürfen dabei ungestört bleiben.

Notiere anschließend Pflanzenart, Datum und das beobachtete Verhalten. Eine genaue Bestimmung des Tieres ist für den Anfang nicht nötig. Mit bloßem Auge wirst du weder den Pollenschlauch wachsen noch eine Eizelle befruchtet werden sehen. Du kannst aber die Stelle entdecken, an der zwei Lebenswege einander berühren. Komm später noch einmal zur Pflanze zurück und schaue, was aus ihren Blüten geworden ist. Zwischen dem ersten Besuch und dem Samen liegt eine Geschichte, die größer ist als der winzige Staub, mit dem sie begann.

Quellen & weiterführende Informationen

  1. Universität Heidelberg und Universität Regensburg (2014): Doppelte Befruchtung bei Blütenpflanzen
  2. USDA, S. E. McGregor: Insect Pollination of Cultivated Crop Plants – Bestäubung und Befruchtung
  3. US Forest Service (2025): Bee nourished – Pollennahrung und Blütenwahl
  4. University of Minnesota Extension: Welche Obst- und Gemüsearten Bestäuber brauchen
  5. University of Maryland Extension (2023): Tomato Pollination and Bumblebee Visits
  6. UFZ und Universität Halle (2021): Wildbienen sichern Apfelbestäubung bei gleichzeitig blühendem Raps
  7. University of Minnesota: The Science of Plants – Flower Morphology