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Bienenbrot

Die Vorratskammer neben der Kinderstube

Gelb, orange, ocker, manchmal fast violett: In den Wabenzellen liegt eine Vorratskammer, die viel farbiger ist als Honig. Hier speichern Honigbienen Pollen. Im Stock heißt diese Nahrung Bienenbrot. Der Name klingt nach einer kleinen Bäckerei. Tatsächlich erzählt er von Blütenstaub, sorgfältiger Lagerung und einem Umweg, auf dem aus Pflanzennahrung Futter für die nächste Generation wird.

Bunte Pollenvorräte in offenen Zellen einer Honigbienenwabe.
In Wabenzellen eingelagerter Pollen: der Vorrat, der als Bienenbrot bezeichnet wird. Foto: Migco · Public Domain. Bildnachweis

Was eine Blüte dem Volk mitgibt

Pollen gehört zur Fortpflanzung der Blütenpflanzen. Für Bienen ist er zugleich eine wichtige Nahrungsquelle. Während Nektar und Honig vor allem Energie liefern, trägt Pollen unter anderem Proteine, Fette und weitere für die Entwicklung wichtige Nährstoffe bei. Sein Wert liegt deshalb an einer anderen Stelle als der süße Vorrat über dem Brutnest. Ein Volk braucht beides: Brennstoff für den Alltag und Bausteine für wachsende Körper.

Dabei ist Pollen keine einheitliche Zutat. Seine Zusammensetzung unterscheidet sich zwischen Pflanzenarten. Die Farbe eines eingelagerten Päckchens verrät für sich allein weder die genaue Herkunft noch seine ernährungsphysiologische Qualität. Das bunte Mosaik ist ein sichtbarer Hinweis auf Sammelarbeit. Für eine sichere botanische Zuordnung braucht es genaueres Hinsehen, häufig mit dem Mikroskop.

Ein Vorrat reist auf zwei Hinterbeinen

Beim Blütenbesuch bleibt Pollen an der Körperbehaarung hängen. Eine sammelnde Arbeiterin bürstet Körner zusammen, befeuchtet sie mit Flüssigkeit aus ihrem Honigmagen und formt daraus Päckchen. Diese sitzen an den Sammelstrukturen ihrer Hinterbeine. Die bekannten Pollenhöschen sind also keine gewachsenen Körperteile, sondern transportfertige Ladung. Im Flugloch kann man sehen, wie unterschiedlich groß und gefärbt diese Pakete zurückkehren.

Für die Pflanze und für das Volk geschehen dabei verschiedene Dinge. Lose Körner am Körper können bei weiteren Besuchen zur Bestäubung beitragen. Der fest gepackte Pollen an den Beinen wird dagegen als Nahrung nach Hause gebracht. Ein einziges Tier verbindet damit zwei Geschichten: die Fortpflanzung der Pflanze draußen und die Versorgung der Gemeinschaft im Dunkeln.

Eine Honigbiene mit gelben Pollenpaketen sitzt auf einer hellen Oberfläche.
Pollenpakete an den Hinterbeinen einer Honigbiene. Diese Ladung bringt die Sammlerin als Nahrung in den Stock. Foto: Bertram Reich. Bildnachweis

Aus Päckchen werden gefüllte Zellen

Im Stock wird der gesammelte Pollen in Wabenzellen abgelegt und festgedrückt. Nektar oder Honig und Sekrete der Bienen kommen hinzu. So entsteht der eingelagerte Pollenvorrat, den die Imkerei Bienenbrot nennt. Mehrere Einträge können übereinanderliegen. Eine angeschnittene Zelle kann deshalb Schichten zeigen: kleine Lieferungen aus verschiedenen Flügen, zusammengedrängt auf wenigen Millimetern.

Viele dieser Vorräte befinden sich in der Nähe des Brutbereichs. Das verkürzt die Wege für diejenigen, die Nahrung aufnehmen und Nachwuchs versorgen. Die Wabe ist allerdings kein unveränderlicher Lagerplan. Zellen werden gefüllt, geleert und neu genutzt. Auf einer einzelnen Aufnahme sieht man einen Augenblick dieses Verkehrs, nicht den gesamten Speiseplan eines Volkes.

Die nächste Generation isst über einen Umweg

Vor allem junge Arbeiterinnen nehmen viel Pollen auf. Er unterstützt ihre eigene körperliche Entwicklung und die Ausbildung der Drüsen, aus denen später Futtersaft kommt. Ammenbienen füttern damit Larven und versorgen weitere Mitglieder des Volkes. Zwischen dem Blütenbesuch und einem wachsenden Bienenkörper liegt somit eine Verarbeitung im Körper erwachsener Bienen.

Das erklärt, weshalb eine volle Honigwabe allein keine vollständige Versorgung bedeutet. Zucker kann den Energiebedarf decken, ersetzt aber nicht einfach die Nährstoffe des Pollens. Die Kinderstube hängt an einem Netz aus Sammlerinnen, Vorratszellen und Ammen. Wenn wir auf eine Wabe schauen, übersehen wir leicht die Nahrung, die bereits unsichtbar geworden ist: aufgenommen, umgebaut und als Futtersaft weitergegeben.

Wie Mikroorganismen am Vorrat beteiligt sind

Häufig heißt es, Pollen müsse im Stock erst lange fermentieren, damit Bienen ihn überhaupt verwerten könnten. Diese einfache Erzählung wird durch Untersuchungen an Honigbienen nicht getragen. Anderson und Kollegen fanden 2014 nur geringe mikrobielle Biomasse und keinen Hinweis auf einen umfassenden bakteriellen Aufschluss der eingelagerten Körner. Ihre Ergebnisse sprechen vor allem für ein konservierendes Milieu, das durch Zucker, Säure und weitere Eigenschaften des Vorrats entsteht.

Das bedeutet nicht, dass Bienenbrot steril ist oder keinerlei mikrobielle Vorgänge stattfinden. Es bedeutet, dass das Vorhandensein von Mikroorganismen noch keine notwendige Vorverdauung beweist. Die Begriffe Fermentation und Konservierung beantworten unterschiedliche Fragen. Eine pauschale Geschichte vom ernährungsphysiologisch immer besseren, lange gereiften Bienenbrot geht über die belastbaren Ergebnisse hinaus.

Auch Nicolson und Kollegen fanden beim Vergleich von frischem und eingelagertem Sonnenblumenpollen keine bessere Verdaulichkeit durch Lagerung. Untersucht wurden junge Honigbienen unter kontrollierten Bedingungen. Solche Ergebnisse ersetzen keine vollständige Beschreibung jeder Pollensorte und jedes Volkes. Sie reichen aber aus, um die vermeintliche Grundregel „erst lange lagern, dann verdaulich“ infrage zu stellen.

Die Bienen warten nicht grundsätzlich auf Reife

Carroll und Kollegen beobachteten, wie Honigbienen verschieden alte Pollenvorräte nutzten. Die Tiere bevorzugten frisch eingelagerte Vorräte. In ergänzenden Fütterungsversuchen zeigten sich zwischen den untersuchten Lageraltern keine entsprechenden Vorteile für Körpermasse oder die geprüften Drüsenmerkmale. Älterer Vorrat war damit nicht wertlos; er wurde nur weniger gern genutzt.

Für das Verständnis der Wabe ist das entscheidend. Ein Vorrat kann bereits kurz nach dem Einlagern gebraucht werden. Was länger liegen bleibt, kann als Reserve dienen. Die Gemeinschaft folgt keinem festen Rezept mit einer vorgeschriebenen Wartezeit. Sie muss laufende Brutpflege und wechselnden Nachschub miteinander verbinden. Wie schnell Zellen geleert werden, hängt deshalb auch von Bedarf und Sammelangebot ab.

Nicht jede bunte Mischung ist automatisch die beste

Versuche zur Pollenernährung zeigen, dass die botanische Herkunft und die Qualität des Futters einen Unterschied machen können. In der Studie von Di Pasquale und Kollegen wirkte sich Vielfalt je nach untersuchtem Zustand der Bienen unterschiedlich aus. Eine Mischung war nicht in jeder Messgröße grundsätzlich besser als jeder einzelne Pollen. Gute Wissenschaft ersetzt hier ein schönes Schlagwort durch eine genauere Frage: Welche Nahrung steht welchen Bienen unter welchen Bedingungen zur Verfügung?

Für die Landschaft bleibt ein vielfältiges, über die Saison verfügbares Blütenangebot wertvoll. Es schafft Auswahl und hilft, Zeiten mit wenig Nahrung zu überbrücken. Wer eine Pollensammlerin beobachtet, sieht darum mehr als gelbe Gepäckstücke. Sie trägt ein Stück Blütenlandschaft in die Kinderstube. Das eigentliche Bienenbrot beginnt lange vor der Wabe: dort, wo rechtzeitig etwas blüht.

Quellen & weiterführende Informationen

  1. Anderson et al. (2014): Hive-stored pollen – preservation, not nutrient conversionPrimärstudie: mikrobielle Biomasse, Pollenkornstruktur und das konservierende Milieu eingelagerter Pollenvorräte.
  2. Carroll et al. (2017): Honey bees preferentially consume freshly-stored pollenVergleich von Lageralter, Verbrauch und Entwicklungsmerkmalen bei frisch und länger eingelagerten Pollenvorräten.
  3. Di Pasquale et al. (2013): Do pollen quality and diversity matter?Primärstudie: pollenabhängige Ammenphysiologie und der kontextabhängige Nutzen von Mischpollen.
  4. Di Pasquale et al. (2016): Variations in the Availability of Pollen Resources Affect Honey Bee HealthPrimärstudie: Menge und saisonale Qualität von Pollenressourcen sowie die Entwicklung junger Arbeiterinnen.
  5. Nicolson et al. (2018): Digestibility and nutritional value of fresh and stored pollenPrimärstudie an jungen Honigbienen: keine bessere Verdaulichkeit des untersuchten Sonnenblumenpollens durch Lagerung.