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Blütentreue

Warum eine Biene bei einer Blüte bleibt

Eine Biene landet auf einer Blüte, trinkt und fliegt weiter. Gleich daneben öffnet sich eine andere Pflanzenart. Sie bleibt unbeachtet. Stattdessen steuert die Sammlerin wieder dieselbe Blütenform an. Zufall? Vielleicht bei einem einzelnen Besuch. Wiederholt sich das Muster, sehen wir eine Strategie, die Blüten und Bienen eng verbindet: Blütentreue.

Eine Honigbiene mit gelben Pollenpaketen sitzt auf einer hellen Oberfläche.
Eine Honigbiene mit Pollenpaketen an den Hinterbeinen. Blütentreue zeigt sich erst über eine Folge von Besuchen. Foto: Bertram Reich. Bildnachweis

Eine Vorliebe für diesen Sammelflug

Blütentreue, auch Blütenstetigkeit genannt, bezeichnet die Neigung eines Blütenbesuchers, während einer Besuchsfolge bei einem bestimmten Blütentyp zu bleiben. Der Begriff beschreibt Verhalten in einer Situation. Er bedeutet nicht, dass eine Honigbiene ihr ganzes Leben nur eine Pflanzenart besucht. Sie kann später andere Quellen kennenlernen und nutzen. Auch innerhalb eines Volkes können verschiedene Sammlerinnen gleichzeitig ganz unterschiedliche Pflanzen anfliegen.

Die Blütenlandschaft und die einzelne Biene müssen deshalb getrennt betrachtet werden. Ein Bienenvolk kann insgesamt Nahrung von vielen Pflanzen zusammentragen, während eine einzelne Arbeiterin gerade ausgesprochen beständig sammelt. Und nicht jede beobachtete Beständigkeit hat dieselbe Ursache. Wenn in Reichweite fast nur eine Pflanzenart blüht, gibt es wenig Auswahl. Besonders aufschlussreich wird das Verhalten dort, wo tatsächlich Alternativen angeboten werden.

Vertraute Blüten haben einen Vorsprung

Eine Blüte ist für eine Biene eine Aufgabe. Sie muss sie entdecken, auf ihr landen und an die Nahrung gelangen. Unterschiedliche Blütenformen verlangen unterschiedliche Bewegungen. Farbe, Duft und Gestalt können mit einer Belohnung verknüpft werden. Eine erfahrene Sammlerin beginnt beim nächsten Besuch daher nicht wieder völlig von vorn. Sie bringt Erinnerungen mit, die Suche und Handhabung erleichtern können.

Diese Vertrautheit ist ein möglicher Vorteil beständigen Sammelns. Trotzdem wäre es zu einfach, Blütentreue allein mit einem angeblich winzigen Gedächtnis zu erklären. Bienen können mehrere Informationen lernen. Forschende diskutieren vielmehr ein Zusammenspiel aus Lernerfahrung, Verarbeitung der Signale und den Kosten eines Wechsels. Nicht alles, was das Tier grundsätzlich lernen könnte, muss im laufenden Sammelflug gleich nützlich sein.

Was künstliche Blüten sichtbar machen

Um die Auswahl zu prüfen, verwenden Forschende häufig künstliche Blüten mit kontrollierbaren Farben und Zuckerlösungen. In Versuchen von Hill und Kollegen wurden einzelne Honigbienen auffallend beständig gegenüber einer von zwei angebotenen Farben. Manche probierten die andere Farbe kaum aus, obwohl sie verfügbar war. Die Studie zeigt, wie stark sich eine Besuchsfolge auf ein vertrautes Signal verengen kann.

Doch künstliche Blüten sind ein Werkzeug, keine vollständige Wiese. Forschende können Farbe, Abstand und Futtermenge getrennt verändern; draußen wirken diese Merkmale gemeinsam. Außerdem unterscheiden sich Versuchsaufbau, Vorerfahrung und untersuchte Bienen. Gerade deshalb ist ein einzelnes Experiment kein Beleg für die Behauptung, alle Honigbienen würden unter allen Umständen auf dieselbe Weise sammeln.

Treue reagiert darauf, ob sich ein Besuch lohnt

Eine Untersuchung von Grüter und Kollegen nahm 2011 die Größe und Konzentration der Belohnung genauer in den Blick. Nach kleinen, ökologisch realistischen Futtergaben hing die spätere Beständigkeit davon ab, welche Menge Zuckerlösung und welche Konzentration die Bienen zuvor erhalten hatten. Auch die Zahl der belohnten Erfahrungen spielte eine Rolle. Lohnendere Erfahrung verstärkte die Bindung an die gelernte Farbe.

Das ist eine wichtige Ergänzung zu Versuchen, in denen Futterunterschiede wenig zu verändern schienen. Sind die Belohnungen bereits sehr groß, kann eine zusätzliche Steigerung kaum noch mehr Beständigkeit erzeugen. Ein Verhalten nahe seinem Maximum lässt Unterschiede leicht verschwinden. Die Biene ist deshalb weder eine vollkommen starre Wiederholerin noch eine Rechnerin mit vollständigem Überblick über alle Blüten. Sie entscheidet mit der Erfahrung, die sie tatsächlich besitzt.

Auch der Weg zwischen zwei Blüten zählt

Blüten stehen nicht auf einem Schachbrett. Manche wachsen dicht nebeneinander, andere verlangen einen längeren Flug. Schon ein Versuch von Marden und Waddington zeigte, dass die räumliche Anordnung die Entscheidung verändern kann. Bei gleichen Abständen blieben Honigbienen oft einer Blütenfarbe treu. Bei ungleichen Abständen wählten sie dagegen häufig die näher gelegene Blüte.

Wer die Nahrungssuche verstehen möchte, muss also auch die Zwischenräume ansehen. Eine vertraute Blüte kann attraktiv sein, aber ihr Vorteil steht neben dem Aufwand, sie zu erreichen. Der Garten aus unserer Perspektive ist eine Fläche aus Farben. Für eine fliegende Sammlerin ist er zugleich ein Netz aus Strecken, erreichbaren Belohnungen und bereits bekannten Aufgaben. Der nächste Besuch entsteht aus mehr als einer Vorliebe.

Für Pflanzen ist Wiederholung oft ein Gewinn

Zur Bestäubung muss geeigneter Pollen an eine empfängliche Narbe gelangen. Wenn ein Tier nacheinander Blüten derselben Pflanzenart besucht, steigt die Chance, dass mitgebrachter Pollen an eine passende nächste Blüte gelangt. Das ist der naheliegende Vorteil der Blütentreue für viele Pflanzen. Der Transport wird zielgerichteter, obwohl die Biene selbst Nahrung sucht.

Gleichsetzen darf man Besuch und erfolgreiche Bestäubung trotzdem nicht. Es kommt unter anderem darauf an, ob der Körper die relevanten Blütenteile berührt und ob geeigneter Pollen übertragen wird. Eine lange Besuchsfolge verrät außerdem noch nichts Sicheres über den späteren Samenansatz. Die Blüte stellt ein Angebot; was daraus wird, hängt vom tatsächlichen Kontakt ab. Die ausführliche Reise eines Pollenkorns beginnt genau an dieser Stelle.

Eine Honigbiene sitzt an einer weißen Blüte vor grünem Hintergrund.
Beim Blütenbesuch können Nahrungssuche und Pollenübertragung zusammenkommen. Die Folge der besuchten Blüten entscheidet über die Blütentreue. Foto: Bertram Reich. Bildnachweis

Eine kleine Wiese wird zum Beobachtungsbuch

Wähle eine Stelle mit zwei gut unterscheidbaren blühenden Pflanzenarten und folge einer einzelnen Biene mit den Augen. Notiere ihre nächsten zehn gut sichtbaren Landungen. Wechselt sie zwischen den Arten oder bleibt sie bei einer? Wie weit liegen die besuchten Blüten auseinander? Eine Skizze der Fläche hilft, reine Häufigkeit von tatsächlicher Auswahl zu unterscheiden. Ein Tier zwischen vielen ähnlichen Tieren wiederzuerkennen, setzt dieser kleinen Beobachtung Grenzen.

Wiederhole sie mit anderen Bienen und zu einer anderen Zeit. So entsteht kein wissenschaftlicher Beweis, aber ein genauerer Blick. Vielleicht bleibt eine Sammlerin erstaunlich beständig, während die nächste andere Wege nimmt. Hinter der Wiederholung steht kein Treueschwur. Es ist ein Verhalten, das aus Wahrnehmung, Erfahrung und der jeweiligen Blütenlandschaft entsteht. Für eine Pflanze kann gerade diese kleine Beharrlichkeit der Anfang ihrer nächsten Generation sein.

Quellen & weiterführende Informationen

  1. Chittka, Thomson & Waser (1999): Flower Constancy, Insect Psychology, and Plant EvolutionForschungsübersicht: Begriffe, Sinnes- und Bewegungslernen, mögliche Ursachen und Bedeutung für Pflanzen.
  2. Hill, Wells & Wells (1997): Spontaneous flower constancy and learning in honey bees as a function of colourPrimärstudie: starke individuelle Farbkonstanz an künstlichen Blüten unter den untersuchten Bedingungen.
  3. Grüter et al. (2011): Flower constancy in honey bee workers depends on ecologically realistic rewardsPrimärstudie: Futtermenge, Konzentration und Anzahl belohnter Erfahrungen beeinflussen die Beständigkeit.
  4. Marden & Waddington (1981): Floral choices by honeybees in relation to the relative distances to flowersUntersuchung zum Einfluss der Entfernung zwischen Blüten auf die Farbkonstanz von Honigbienen.
  5. Çakmak & Wells (1996): Flower Color, Nectar Reward, and the Flower Fidelity of the Caucasus Honey BeePrimärstudie: Zusammenhang zwischen Farbsignalen, Futterangebot und individuellen Wahlmustern.