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Die Tanzsprache der Bienen

Eine Wegbeschreibung aus Bewegung

Eine Biene kommt von draußen zurück. Auf der Wabe läuft sie eine kurze Strecke, schüttelt dabei ihren Hinterleib und kehrt in einem Bogen zum Ausgangspunkt zurück. Andere Bienen drängen sich an sie. Die Bewegung wirkt unscheinbar. Doch in ihr steckt eine Nachricht über einen Ort, den die Empfängerinnen noch gar nicht besucht haben. Die Landschaft draußen erhält für einen Augenblick eine Form im Dunkeln.

Honigbienen auf einer Wabe aus unserer Imkerei.
Arbeiterinnen auf der Wabe. Hier werden Vorräte eingelagert, Informationen ausgetauscht und junge Bienen versorgt. Eigene Aufnahme der Imkerei. Bildnachweis

Aus einem Fund wird eine gemeinsame Möglichkeit

Eine ergiebige Futterquelle ist für das Volk erst dann besonders wertvoll, wenn mehr als eine einzige Sammlerin sie nutzen kann. Honigbienen können Nestgenossinnen durch Tänze anwerben. Eine erfolgreiche Rückkehrerin liefert dabei Informationen über ihre Entdeckung: Wo liegt die Quelle, wie weit ist sie entfernt, und lohnt sich der Weg? Das Volk erhält damit Zugang zu Erfahrungen, die einzelne Tiere draußen gesammelt haben.

Die Tanzsprache betrifft hier die Westliche Honigbiene, Apis mellifera. Sie lässt sich nicht pauschal auf alle Wildbienen oder Hummeln übertragen. Und eine Tänzerin verteilt keine verbindlichen Arbeitsaufträge. Die anderen Arbeiterinnen reagieren auf das Angebot, sammeln weitere Hinweise und können selbst ausfliegen. Man kann den Tanz als Einladung verstehen, einen Fund zu prüfen. Der Körper der Rückkehrerin wird für kurze Zeit zum Wegweiser.

Die wichtigste Nachricht steckt in der geraden Strecke

Der bekannte Schwänzeltanz besteht aus wiederkehrenden Schwänzelläufen und Rückkehrbögen. Die Tänzerin bewegt sich zunächst annähernd geradeaus und schwingt den Hinterleib hin und her. Anschließend läuft sie in einem Bogen zurück. Mit wechselnden Rückkehrseiten erinnert die gesamte Spur an eine Acht. Für die Ortsinformation ist vor allem die gerade Schwänzelphase entscheidend, nicht die Größe der beiden Schleifen.

Bei einem weiter entfernten Ziel dauert der Schwänzellauf im Allgemeinen länger. Das ist eine Zeitinformation, keine eingezeichnete Kilometerstrecke. Ein kurzer Film zeigt deshalb mehr als ein Standbild: Man muss erkennen, welcher Bewegungsabschnitt zur Nachricht gehört, und seine Dauer erfassen. Ein einzelner Ausschlag des Hinterleibs verrät die Entfernung ebenso wenig wie ein einziges Foto einer laufenden Biene. Entscheidend ist die wiederholte, strukturierte Bewegung.

Oben auf der Wabe bedeutet: zur Sonne

Auf einer senkrechten Wabe dient die Schwerkraft als Bezug. Ein Schwänzellauf nach oben weist auf eine Futterquelle in Richtung des Sonnenstandes hin. Verläuft er schräg nach links oben, liegt die Quelle im entsprechenden Winkel links von der Sonne. Ein Lauf nach unten steht für die Gegenrichtung. Die Biene übersetzt damit eine Richtung in der Landschaft in einen Winkel auf der Wabe.

Stell dir vor, die Schwänzelstrecke neigt sich um etwa 45 Grad nach links von der Senkrechten. Draußen ist dann ungefähr 45 Grad links von der Sonnenrichtung gemeint. Das heißt nicht automatisch Nordwesten: Die Sonne steht im Laufe des Tages an anderer Stelle. Der Bezug ist beweglich. Die Empfängerin muss die Mitteilung in die Bedingungen ihres eigenen Fluges übertragen. Eine kleine Strecke auf Wachs verweist so auf einen großen Raum.

Der Tanz reist zusammen mit Gerüchen

Im Inneren eines geschlossenen Stocks reicht kein Sonnenstrahl als Scheinwerfer auf die Tänzerin. Die folgenden Bienen halten sich dicht an der Rückkehrerin; ihre Bewegung und die begleitenden Schallsignale bilden Teil der Verständigung. Hinzu kommen Hinweise aus der Futterquelle selbst. Eine Sammlerin bringt Blütenduft mit und kann etwas vom aufgenommenen Nektar weitergeben. Die Ortsnachricht besitzt damit auch einen Geruchs- und Geschmackskontext.

Das hilft bei einer wichtigen Unterscheidung: Eine ungefähre Richtung zu kennen ist etwas anderes, als die richtige Blüte zu finden. Auf einer Wiese stehen zahlreiche Pflanzen nahe beieinander. Die Reise führt deshalb vom Signal im Stock in eine Landschaft voller weiterer Sinneseindrücke. Tanzinformation, Duft und die eigene Wahrnehmung gehören zusammen. Wer nur die gezeichnete Acht kennt, hat einen wesentlichen Teil der Geschichte gesehen, aber noch nicht die ganze Suche.

Forschung hat die Nachricht nach draußen verfolgt

Wie lässt sich prüfen, ob die Bienen tatsächlich die im Tanz enthaltene Ortsinformation nutzen? Forschende können Sammlerinnen an eine bekannte Futterstelle gewöhnen und ihre Rückkehr im Beobachtungsstock verfolgen. Besonders aufschlussreich sind die Flüge der angeworbenen Tiere. Eine 2005 veröffentlichte Untersuchung zeichnete solche Flugbahnen mit harmonischem Radar auf und untersuchte, wie die Empfängerinnen die Tanznachricht in eine Reise übersetzen.

Auch die Tänze selbst sind keine vollkommen identischen Wiederholungen. In Videoanalysen schwankten Richtung und Dauer einzelner Schwänzelläufe. Die Nachricht hat eine Streuung. Das ist eine hilfreiche Korrektur für unsere Vorstellung von einer millimetergenauen Flugkarte. Ein Bienenkörper sendet unter realen Bedingungen, zwischen anderen Tieren und auf einer lebenden Arbeitsfläche. Gerade deshalb werden Wiederholungen und ergänzende Sinneshinweise für das Verständnis bedeutsam. Die Leistung bleibt erstaunlich, auch wenn sie keine technische Navigation kopiert.

Mehr als zwei sauber getrennte Tanzarten

In vielen Darstellungen stehen Rundtanz und Schwänzeltanz wie zwei getrennte Wörter nebeneinander: eines für nahe, eines für ferne Nahrung. Das ist als erster Überblick eingängig. Bei genauerer Untersuchung wird die Grenze jedoch unscharf. Eine Studie von Gardner, Seeley und Calderone verglich Tänze für Futterstellen in unterschiedlichen Entfernungen und fand keinen eindeutigen Schalter zwischen zwei vollständig getrennten Signalen.

Die Forschenden beschrieben Rund- und Schwänzeltänze als Enden eines Kontinuums. Auch bei sehr kurzen Wegen ließen sich Schwänzelanteile und Richtungsinformationen nachweisen. Deshalb wäre eine starre Metergrenze als allgemeines Naturgesetz irreführend. Der Tanz verändert sich mit der Entfernung, und manches wird im nahen Bereich schwerer zu erkennen. Biologie lässt sich häufig leichter verstehen, wenn man fließende Übergänge zulässt, statt jede Beobachtung in eine scharf begrenzte Schublade zu legen.

Gute Tänzerinnen brauchen auch Erfahrung

Ein 2023 veröffentlichtes Experiment ergänzte das klassische Bild um einen weiteren Aspekt. Junge Bienen, die vor ihrem ersten eigenen Tanz keine erfahrenen Tänzerinnen hatten verfolgen können, tanzten unordentlicher und machten größere Fehler. Einige Abweichungen verbesserten sich später mit der eigenen Übung; die fehlerhafte Entfernungscodierung blieb unter den untersuchten Bedingungen bestehen. Der Vergleich mit normal aufgewachsenen Bienen zeigte die Bedeutung sozialer Erfahrung.

Das bedeutet nicht, dass jede Bewegung wie ein menschlicher Tanzkurs unterrichtet wird. Die Studie untersuchte genau definierte Aufwuchsbedingungen und fand einen Beitrag sozialen Lernens zu einer biologisch angelegten Fähigkeit. Im Bienenvolk entstehen Informationen also nicht nur durch Entdeckung neuer Blüten. Auch die Qualität ihrer Weitergabe hängt davon ab, in welcher Gemeinschaft eine Arbeiterin Erfahrungen sammeln kann. Ein bewährtes Signal wird durch sein Umfeld mitgeformt.

Wie wertvoll eine Nachricht ist, hängt von draußen ab

Eine Wegbeschreibung hilft besonders, wenn gute Nahrung schwer zu finden oder ungleich verteilt ist. Ein Versuch in verschiedenen Lebensräumen untersuchte Völker mit nutzbarer und gestörter Richtungsinformation. Der Vorteil der Verständigung fiel je nach Blütenverteilung unterschiedlich aus. Eine hohe Vielfalt an Blütenarten und größere blütenreiche Stellen konnten den Nutzen fördern. Aus einer raffinierten Fähigkeit folgt also nicht automatisch in jeder Landschaft derselbe Gewinn.

Wer Gelegenheit hat, einen fachkundig betreuten Beobachtungsstock zu besuchen, kann nach wiederholten Schwänzelläufen suchen. Lässt sich eine Richtung erkennen? Bleiben andere Tiere eng dabei? Ein kurzes Beobachten ersetzt keine genaue Messung, öffnet aber einen neuen Blick: Die Bienen auf der Wabe sind mit Orten verbunden, die wir gerade nicht sehen. In einer unscheinbaren Bewegung begegnen sich Erinnerung, Erfahrung und die gemeinsame Suche nach Nahrung.

Eine Honigbiene sitzt an einer weißen Blüte vor grünem Hintergrund.
An einer Blüte beginnt die Information, die eine erfolgreiche Sammlerin später im Stock weitergeben kann. Foto: Bertram Reich. Bildnachweis

Quellen & weiterführende Informationen

  1. Arizona State University, Ask A Biologist: Bee Waggle DanceRichtung und Entfernung im Schwänzeltanz sowie die Rolle von Duft- und Nektarhinweisen.
  2. Okada et al. (2008): The dance of the honeybeeVideoanalyse der Winkel- und Zeitstreuung von Schwänzeltänzen und der Abfolge einzelner Tanzläufe.
  3. Riley et al. (2005): The flight paths of honeybees recruited by the waggle danceUntersuchung der Flugwege angeworbener Bienen mit harmonischem Radar.
  4. Gardner, Seeley & Calderone (2008): Do honeybees have two discrete dances to advertise food sources?Untersuchung des Übergangs zwischen Rund- und Schwänzeltanz: ein Kontinuum statt zweier scharf getrennter Tanzformen.
  5. Dong et al. (2023): Social signal learning of the waggle dance in honey beesVergleich von Bienen mit und ohne frühere Tanzbeobachtung: soziales Lernen und der Einfluss von Erfahrung auf die Tanzgenauigkeit.
  6. Donaldson-Matasci & Dornhaus (2012): How habitat affects the benefits of communicationExperimente zum Nutzen der Ortsinformation in unterschiedlichen Lebensräumen, abhängig von Blütenverteilung und Artenvielfalt.