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Die Wassersammlerinnen

Die Sammlerinnen ohne Pollenhöschen

Am feuchten Rand eines Steins sitzt eine Honigbiene und senkt den Rüssel. Keine Blüte ist in der Nähe, an ihren Hinterbeinen hängt kein Pollen. Trotzdem kann sie gerade auf einem wichtigen Versorgungsflug sein. Sie sammelt Wasser. Ihre Rückkehr bringt keine süße Ernte, aber etwas, das im Stock für Nahrung, Feuchtigkeit und Abkühlung gebraucht wird. An heißen Tagen hängt viel an solchen unscheinbaren Wegen.

Eine Honigbiene beim Trinken an einer Wasserstelle.
Eine Honigbiene nimmt Wasser auf. Aufnahme aus einer Imkerei in Polen. Foto: Bartosz Kosiorek · CC BY-SA 3.0. Bildnachweis

Ein Bienenvolk lebt nicht von Zucker allein

Nektar und Pollen stehen im Mittelpunkt vieler Bienengeschichten. Wasser bleibt dabei leicht unsichtbar, obwohl die Tiere es selbst benötigen und für verschiedene Aufgaben im Nest einsetzen. Es hilft bei der Verarbeitung der Vorräte und gehört zur Versorgung der Brut. Auch die Feuchtigkeit im Nest spielt eine Rolle für die Entwicklung. Eine Wasserquelle ist deshalb keine bloße Zugabe für besonders heiße Nachmittage.

Der Bedarf hängt von der Situation im Volk ab. Wie viel Nachwuchs versorgt wird, welche Nahrung hereinkommt und wie warm es im Nest ist, verändert die Aufgabe. Eine pauschale tägliche Literzahl würde diese Unterschiede verdecken. Wer eine Biene an feuchter Erde sieht, sollte ihren Aufenthalt deshalb nicht als zielloses Herumkrabbeln abtun. Zwischen einem kaum sichtbaren Wasserfilm und der Kinderstube eines Volkes kann eine direkte Verbindung bestehen.

Eine kleine Ladung für viele Empfängerinnen

Wassersammlerinnen nehmen die Flüssigkeit mit dem Rüssel auf und transportieren sie im Honigmagen, auch Kropf genannt. Dieser Abschnitt dient als Transportbehälter. Dass er Honigmagen heißt, bedeutet nicht, dass jeder Inhalt Honig werden muss. Im Volk werden Flüssigkeiten zwischen Arbeiterinnen weitergegeben und je nach Bedarf eingesetzt. Die Leistung der einzelnen Sammlerin erhält ihren Sinn erst in dieser Verteilung.

Wasser wird dabei anders bevorratet als reifer Honig. Ein Volk besitzt keinen großen dauerhaften Wasserspeicher, der mit seinen Energievorräten vergleichbar wäre. Dennoch ist die Behauptung, Wasser werde niemals zwischengespeichert, zu streng: In Versuchen unter Hitzebelastung fanden Forschende vorübergehende Reserven sowohl in den Kröpfen von Arbeiterinnen als auch in Wabenzellen. Eine kleine Reserve kann überbrücken; die laufende Versorgung muss sie bei hohem Bedarf rasch ergänzen.

Aus Wasser wird Abkühlung

Wenn das Brutnest zu warm wird, stehen den Bienen mehrere Verhaltensweisen zur Verfügung. Sie können Luft mit den Flügeln bewegen und Wasser zur Verdunstung nutzen. Beim Übergang von flüssigem Wasser zu Wasserdampf wird Wärme aufgenommen. Das Prinzip begegnet uns auch an feuchter Haut, über die Luft streicht. Für das Volk arbeiten dabei Wasserbeschaffung, Verteilung und Luftbewegung zusammen.

Die einzelne Biene am Stein ist somit Teil einer Aufgabe, die weiter hinten im Nest liegt. Ihre Ladung muss nicht sie selbst abkühlen; sie kann anderen Tieren und der Brut zugutekommen. Dass eine Kolonie gemeinsam Temperatur reguliert, lässt sich von außen kaum vollständig verfolgen. Am Wasserplatz wird jedoch ein Abschnitt dieses Zusammenhangs sichtbar. Jede Rückkehr verbindet einen Ort außerhalb des Stocks mit den Bedingungen auf der Wabe. Gute Versorgung und geeignetes Nestklima sind eng miteinander verknüpft.

Honigbienen am Flugloch eines Bienenstocks.
Bienen am Flugloch unserer Imkerei. Über diesen Eingang kommt neben Nektar und Pollen auch Wasser ins Volk. Eigene Aufnahme der Imkerei. Bildnachweis

Woher weiß eine Sammlerin, dass Wasser fehlt?

Wassersammlerinnen müssen nicht jede einzelne Brutzelle prüfen, bevor sie reagieren. Ostwald, Smith und Seeley untersuchten 2016, wie Völker ihren Wasserbedarf bei überhitztem Brutnest anpassen. Mehr Nachfragen nach Flüssigkeit durch Nestgenossinnen und der eigene Durst können den Sammlerinnen signalisieren, dass ihre Arbeit wieder gebraucht wird. Der Zustand der Gemeinschaft wird im Kontakt zwischen ihren Mitgliedern erfahrbar.

Das ist eine konkrete Form gemeinsamer Regulation: Ein Tier reagiert auf die Situation, die es unmittelbar wahrnimmt, und sein Verhalten verändert die Versorgung für andere. Die Versuche zeigen die Anpassung unter den untersuchten Belastungen. Sie machen aus der Biene keine bewusste Technikerin mit einer Übersicht über sämtliche Temperaturen. Gerade ohne eine solche Zentrale entsteht jedoch eine abgestimmte Antwort. Der Bedarf gelangt über viele Begegnungen bis zu den Arbeiterinnen, die draußen Wasser beschaffen.

Warum ausgerechnet diese Pfütze?

Menschen wundern sich oft, wenn eine angebotene klare Wasserschale weniger Beachtung bekommt als eine Pfütze oder ein feuchter Untergrund. Mineralstoffe können für die Wahl einer Quelle eine Rolle spielen. Lau und Nieh untersuchten die Reaktionen von Wassersammlerinnen auf verschiedene Salzlösungen und analysierten besuchte Wasserstellen. Die Bienen reagierten je nach Salz und Konzentration unterschiedlich; auch einzelne Tiere zeigten unterschiedliche Vorlieben.

Die Beobachtung lässt sich also nicht auf „Bienen mögen schmutziges Wasser“ verkürzen. Trübung verrät weder die Zusammensetzung noch die Eignung einer Quelle. Ebenso ergibt sich aus einem Laborversuch kein allgemeines Mischrezept für eine Gartentränke. Interessant ist vielmehr, dass eine scheinbar einfache Flüssigkeit aus Bienensicht unterschiedlich beschaffen sein kann. Was uns wie austauschbares Wasser erscheint, liefert den Tieren verschiedene Reize. Ihre Wahl folgt nicht unbedingt unserer Vorstellung von einem ansprechenden Trinkplatz.

Ein Rüssel braucht einen sicheren Stand

Wasser aufzunehmen und dabei trocken zu bleiben, ist eine eigene Herausforderung. An einer feuchten Oberfläche kann eine Biene festen Halt finden, während sie den Rüssel an die Flüssigkeit führt. Eine offene tiefe Schale bietet diesen Halt nicht überall. Das spricht für gut erreichbare flache Randzonen und Landeflächen, von denen aus die Tiere das Wasser aufnehmen können. Die Gestaltung des Übergangs ist oft wichtiger als die Größe des Gefäßes.

Honigbienen sind im Wasser allerdings nicht völlig bewegungsunfähig. Roh und Gharib zeigten in einer Untersuchung, dass auf die Wasseroberfläche geratene Tiere mit ihren benetzten Flügeln Vortrieb erzeugen können. Diese besondere Fortbewegung ist kein Ersatz für sichere Zugänge. Nasse Flügel können den Start erschweren, und eine Wasserstelle sollte keine solche Anstrengung verlangen. Der interessante Forschungsbefund korrigiert ein einfaches „Bienen können gar nichts im Wasser“, ohne aus einer Gefahr einen geeigneten Aufenthaltsort zu machen.

Eine einfache Wasserstelle braucht Pflege

Für eine kleine Wasserstelle eignen sich ein flaches standfestes Gefäß und raue Steine oder andere stabile Auflagen, die aus dem Wasser ragen. Die Tiere sollten von dort bis an die Feuchtigkeit gelangen können. Bei sinkendem Wasserstand muss diese Verbindung erhalten bleiben. Ein dekorativer Stein in der Mitte nützt wenig, wenn ringsum ein tiefer offener Wassergraben liegt und der Rand keinen Zugang bietet.

Die Utah State University empfiehlt flaches Wasser mit sicheren Landeplätzen und regelmäßiges Erneuern. Dazu gehört, das Gefäß sauber zu halten und bei Trockenheit nachzusehen. Im Garten ergänzt solch ein Angebot Blüten und geeignete Strukturen; es ersetzt sie nicht. Wer die Tränke beobachtet, kann ihre Nutzung kennenlernen, ohne Tiere anzufassen. Dabei lohnt sich auch die Bestimmung der Besucher: Nicht jedes gelb-schwarze Insekt ist eine Honigbiene, und unterschiedliche Tiere können denselben feuchten Rand nutzen.

Was Wasserstellen leisten können

Eine kanadische Feldstudie testete angebotene Tränken in landwirtschaftlich genutzten Landschaften. Die Bienen nahmen sie an, und das angebotene Wasser enthielt weniger Pflanzenschutzmittel als untersuchte andere Quellen. Auch das Ertrinkungsrisiko war geringer. Gleichzeitig zeigte sich in diesen Versuchen weder eine verringerte Arbeiterinnensterblichkeit noch eine Zunahme des gesamten Volksgewichts. Ein sinnvoller Zugang ist also nicht automatisch der Nachweis für jeden erhofften Vorteil.

Diese Unterscheidung schmälert die Bedeutung des Wassers nicht. Sie hilft, genauer hinzusehen: Was nehmen Tiere tatsächlich an, was verändert eine Maßnahme, und was bleibt offen? Am Rand einer Pfütze lässt sich davon ein kleiner Ausschnitt entdecken. Die Biene, die dort still ihren Rüssel senkt, versorgt eine Welt, die wir gerade nicht sehen. Wenn sie wieder abfliegt, trägt sie kein auffälliges Pollenpäckchen. Ihre Arbeit ist trotzdem an Bord.

Quellen & weiterführende Informationen

  1. National Bee Unit: Feeding bees – water (PDF)Funktionen von Wasser im Bienenvolk, Aufnahme an feuchten Oberflächen und geeignete Zugänge zu Wasserquellen.
  2. Ostwald, Smith & Seeley (2016): The behavioral regulation of thirst, water collection and water storageBedarfsrückmeldung, Wassersammeln und kleine vorübergehende Wasserreserven unter Hitzebelastung.
  3. Lau & Nieh (2016): Salt preferences of honey bee water foragers (PDF)Untersuchung der Salzpräferenzen von Wassersammlerinnen und ihrer Unterschiede nach Salzart, Konzentration und Individuum.
  4. Roh & Gharib (2019): Honeybees use their wings for water surface locomotionUntersuchung zur Fortbewegung von Honigbienen auf Wasser mithilfe benetzter Flügel.
  5. Utah State University Extension: What Do Honey Bees Eat? – Do Bees Drink Water?Hinweise zu flachem, sauberem Wasser, sicheren Landeplätzen und regelmäßiger Erneuerung von Bienentränken.
  6. McCune et al. (2021): Supplying honey bees with waterersFeldstudie zu Bienentränken, Pestizidgehalt und Ertrinkungsrisiko. Arbeiterinnensterblichkeit und Volksgewicht verbesserten sich in diesen Versuchen nicht nachweisbar.