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Winter im Bienenstock

Ein Volk hält den Winter aus

Vor dem Flugloch bewegt sich nichts. Vielleicht liegt Schnee auf dem Dach, vielleicht streicht kalter Regen über die Beute. Von außen wirkt der Bienenstock verlassen. Drinnen sitzt eine Gemeinschaft, die sich selbst am Leben hält: mit Muskelarbeit, Nahrung und der Nähe vieler Körper. Honigbienen überwintern als Volk. Ihr Winter ist ein langsamer Kraftakt, dessen wichtigste Vorbereitungen schon Monate vorher beginnen.

Mehrere Bienenstöcke in einer schneebedeckten Landschaft.
Bienenstöcke im Schnee in Llangeler, Wales. Foto: Marion Phillips · CC BY-SA 2.0. Bildnachweis

Der Winter beginnt vor dem ersten Frost

Ein Bienenvolk kann seine Wintermannschaft nicht erst bilden, wenn die Landschaft weiß wird. Im ausgehenden Sommer und Herbst wachsen Arbeiterinnen heran, deren Körper für ein längeres Leben ausgestattet sind. In der Imkerei heißen sie Winterbienen. Während eine viel beschäftigte Sommerarbeiterin oft nur wenige Wochen lebt, können diese Tiere mehrere Monate überstehen. Ihre Aufgabe reicht bis in ein Frühjahr, das sie noch nie gesehen haben.

Dabei handelt es sich um weibliche Arbeiterinnen derselben Art, nicht um eine besondere Winterrasse. Jahreszeit, Versorgung und die Aufgaben im Volk beeinflussen ihre Entwicklung. Der Wintererfolg hängt deshalb auch an der Lebensgeschichte dieser einzelnen Bienen. Die kalte Nacht ist nur ein Teil der Prüfung; entscheidend ist ebenso, in welchem Zustand die Gemeinschaft in sie hineingeht.

Vorräte stecken auch in den Bienen

Wer Vorrat sagt, denkt zuerst an gefüllte Waben. Doch Winterbienen bringen auch im eigenen Körper Reserven mit. Ihr Fettkörper ist ein wichtiges Stoffwechselorgan, das weit mehr leistet als die Speicherung von Fett. Zum winterlichen physiologischen Profil gehören unter anderem Unterschiede bei Proteinen, Fetten und dem Speicherprotein Vitellogenin. Eine Untersuchung über einen Jahreslauf fand diese Merkmale bei langlebigen Winterbienen stärker ausgeprägt als bei Sommerbienen.

Solche Ergebnisse erklären einen biologischen Zusammenhang, liefern aber keinen einzelnen Messwert, an dem sich die Zukunft eines Volkes ablesen ließe. Langlebigkeit entsteht aus mehreren ineinandergreifenden Vorgängen. Im Frühjahr müssen viele dieser alten Arbeiterinnen erneut Nachwuchs versorgen. Sie tragen damit nicht nur sich selbst durch die dunklen Monate, sondern auch die ersten Schritte der nächsten Generation.

Viele Körper werden zu einer Wintertraube

Mit sinkenden Temperaturen rücken die Bienen auf den Waben und zwischen ihnen zusammen. Es entsteht die Wintertraube: eine räumliche Gemeinschaft über mehrere Wabengassen hinweg. Außen sitzen die Tiere dichter, im Inneren bleibt es wärmer. Wird es kälter, kann sich die Traube enger zusammenziehen. Bei milderer Umgebung lockert sie sich wieder. Ihre Form und Ausdehnung reagieren auf die Bedingungen.

Das Bild eines starren Balls führt deshalb in die Irre. Die Traube ist ein lebendes Gefüge mit unterschiedlichen Temperaturen und Bewegungsmöglichkeiten. Auch wird nicht der gesamte Innenraum wie ein menschliches Wohnzimmer beheizt. Die Bienen halten vor allem ihren eigenen Aufenthaltsbereich lebensfähig. Jenseits dieser kleinen Wärmeinsel kann die Luft deutlich kühler bleiben. Gerade diese räumliche Begrenzung macht das Überwintern mit endlichen Vorräten möglich.

Viele Honigbienen sitzen auf offenen Wabenzellen.
Arbeiterinnen auf einer Wabe aus unserem Bildarchiv. Ihr enges Zusammenleben ermöglicht die gemeinsame Versorgung und Wärmeregulierung. Eigene Aufnahme der Imkerei. Bildnachweis

Die Heizung sitzt im Brustkorb

Die Wärme stammt aus dem Stoffwechsel und aus aktiver Muskelarbeit. Arbeiterinnen können ihre Flugmuskulatur einsetzen, ohne dafür abzuheben. Was im Sommer Flügel bewegt, hilft nun beim Wärmeerzeugen. Untersuchungen mit Wärmebildkameras zeigen, wie unterschiedlich einzelne Bienen auf Kältereize reagieren und wie ihre Beiträge zusammen die Temperatur im Nest regulieren. Für diese Arbeit brauchen sie Energie aus zuckerhaltiger Nahrung.

Eine Königin gibt dabei keine Heizbefehle. Viele einzelne Reaktionen auf die unmittelbare Umgebung ergeben gemeinsam die Regulation. Mit Brut werden besonders enge Temperaturgrenzen wichtig; eine brutfreie Wintertraube muss nicht überall dieselbe Wärme halten wie ein Brutnest. Deshalb sagt eine einzelne Temperatur ohne Messort und Brutstatus wenig aus. Das Entscheidende ist das Zusammenwirken von Wärmeerzeugung, dichter Besetzung und dem Schutz des Nestes.

Nahrung muss erreichbar bleiben

Im Winter kommen gewöhnlich keine nennenswerten neuen Vorräte von draußen herein. Das Volk lebt von dem, was in den Waben liegt. In betreuten Völkern trägt die Imkerei Verantwortung dafür, dass nach der Honigernte ausreichend geeignetes Winterfutter zur Verfügung steht. Die Menge allein erzählt jedoch nur die halbe Geschichte. Die Bienen müssen die Nahrung von ihrem jeweiligen Sitz aus auch erreichen können.

Das Bieneninstitut Celle hat auf Fälle hingewiesen, in denen Völker während anhaltender Kälte verhungerten, obwohl anderswo in der Beute noch Futter lag. Große kalte Lücken lassen sich nicht beliebig überwinden. Mit dem Verbrauch der Vorräte verlagert sich der Bienensitz nach und nach. Die Nähe von Nahrung und Wärmegemeinschaft ist damit ein wesentliches Merkmal der Winterwohnung. Ein voller Raum hilft wenig, wenn der Weg dorthin zu weit wird.

Der Frühling kann drinnen schon anfangen

Winter bedeutet keine überall gleich lange Brutpause. Je nach Bedingungen setzt die Brutaufzucht früher oder später wieder ein. Nun müssen die Arbeiterinnen die Entwicklung der empfindlichen Brut absichern und Nahrung für sie bereitstellen. Das erhöht den Aufwand in einer Zeit, in der draußen weiterhin kalte Tage und ein knappes Blütenangebot warten können. Eine milde Phase kann also Bewegung in das Volk bringen, ohne dass der Winter vorbei ist.

Eine Studie mit Völkern in Klimakammern untersuchte Temperatur und Tageslänge getrennt. Höhere Umgebungstemperaturen förderten dort den Brutbeginn; der Einfluss des Lichtregimes hing von den Temperaturbedingungen ab. Auch zeitabhängige innere Faktoren spielten offenbar mit. Daraus folgt kein Kalenderdatum für jeden Bienenstand. Es zeigt, wie mehrere Signale zusammenwirken und warum ein zu früher Start die verfügbaren Energiereserven belasten kann.

Ein langes Leben braucht gesunde Winterbienen

Kälte ist nicht die einzige Belastung. Parasiten und Krankheiten können die Lebensdauer der Arbeiterinnen verkürzen. In einer Untersuchung aus der Schweiz waren stärkere Belastungen mit Varroamilben und dem Flügeldeformationsvirus mit einer kürzeren Lebensspanne von Winterbienen verbunden. Wenn laufend mehr Tiere verloren gehen, als das Volk ersetzen kann, wird die Gemeinschaft kleiner und ihre gemeinsame Leistung schwächer.

Der Blick auf den Winter verbindet deshalb Ernährung, Volksentwicklung und Bienengesundheit. Für die fachkundige Betreuung ist der Zustand vor der kalten Jahreszeit ebenso wichtig wie die spätere Kontrolle. Für Besucherinnen und Besucher erklärt das, weshalb ein lebendiges Volk mehr ist als eine Königin in einer Holzhülle. Seine Zukunft hängt an vielen Arbeiterinnen, die gesund genug bleiben müssen, um den Übergang zu schaffen.

Am stillen Flugloch etwas verstehen

Ein Winterbesuch am Bienenstand braucht keinen geöffneten Deckel. Aus Abstand lässt sich beobachten, wie stark das Flugloch auf Wetter und Tageszeit reagiert. Manchmal bleibt es lange still, an einem geeigneten milderen Tag erscheinen wieder Bienen. Eine einzelne Beobachtung erlaubt dabei keine verlässliche Diagnose des gesamten Volkes. Gerade im Winter liegt viel von dem, was zählt, jenseits unseres Blicks.

Wer die Wintertraube kennt, sieht diese Ruhe anders. Hinter der Wand wird Nahrung in Wärme verwandelt, ein alternder Bienenkörper trägt den nächsten Tag, und irgendwo beginnt vielleicht schon die erste neue Brut. Das Volk wartet nicht einfach auf den Frühling. Es arbeitet daran, ihn zu erreichen. Aus vielen kleinen Leben entsteht eine Verbindung zwischen der letzten Herbstblüte und dem ersten brauchbaren Flugtag des neuen Jahres.

Quellen & weiterführende Informationen

  1. Penn State Extension: Honey Bee Management Throughout the SeasonsJahreslauf des Bienenvolkes, Winterbienen, Wintertraube und Bewegung zu den Vorräten.
  2. Kunc et al. (2019): The Year of the Honey Bee with Respect to Its Physiology and ImmunityJahreslaufstudie zu Proteinen, Lipiden und Vitellogenin in der Physiologie von Honigbienen.
  3. Stabentheiner, Kovac & Brodschneider (2010): Honeybee Colony ThermoregulationWärmeerzeugung mit der Flugmuskulatur und Temperaturregulation in Völkern mit Brut.
  4. LAVES, Institut für Bienenkunde Celle: Bienen droht der HungertodZusammenhang zwischen Bienensitz, erreichbaren Vorräten und dem Risiko des Verhungerns.
  5. Nürnberger, Härtel & Steffan-Dewenter (2018): Temperature, photoperiod and brood onsetKlimakammerversuch zum Zusammenspiel von Temperatur, Tageslänge und Brutbeginn.
  6. Dainat et al. (2012): Varroa destructor and deformed wing virus reduce the life span of winter honeybeesMonitoring von Wintervölkern in der Schweiz: Zusammenhang zwischen Varroa, Flügeldeformationsvirus und der Lebensspanne von Winterbienen.
  7. Stabentheiner et al. (2003): Endothermic heat production in honeybee winter clusters (PDF)Untersuchung brutfreier Wintertrauben: aktive Wärmeerzeugung im Inneren und Dämmung durch die äußeren Bienen.