Gib jedem Honig einen eigenen Moment
Für eine kleine Verkostung zu Hause genügen zunächst wenige unterschiedliche Honige. Stelle sie in sauberen, geruchsfreien Gläsern oder Schälchen bereit und notiere die Angaben vom Etikett. Ein eigener sauberer Löffel für jede Probe verhindert, dass sich die Honige vermischen. Wasser für zwischendurch, Papier und Stift reichen als weitere Ausstattung. Stark duftende Kerzen oder ein unmittelbar zuvor getrunkener Espresso machen den feinen Vergleich unnötig schwer.
Beginne mit einer kleinen Menge und gib dir zwischen den Proben Zeit. Als praktische Reihenfolge kannst du einen zurückhaltend duftenden Honig vor einem kräftig aromatischen probieren. Das ist eine Einladung zum Entdecken, kein formelles Prüfverfahren. Später lohnt es sich, die Reihenfolge einmal umzukehren.
Erst schauen, dann die Nase fragen
Betrachte Farbe, Klarheit und Oberfläche. Ein Honig kann fast farblos, hellbeige oder dunkelbraun wirken. Kristallisation verändert den optischen Eindruck zusätzlich. Die Farbe liefert damit einen interessanten ersten Hinweis, aber keine sichere Sortenbestimmung. Auch ein Vergleich nebeneinander beschreibt zunächst genau die vorliegenden Gläser; jede Ernte hat ihre eigene Vorgeschichte.
Rieche vor dem ersten Löffel an der Probe. Welcher Eindruck meldet sich zuerst? Vielleicht blumig, würzig, malzig oder wachsig. Solche Begriffe finden sich auch in den Beschreibungen der LWG. Schreibe lieber ein oder zwei deutliche Wahrnehmungen auf, als möglichst viele Wörter zusammenzutragen. Ein eigener Vergleich wie „erinnert mich an getrocknetes Heu“ kann treffender sein als ein gelernter Fachausdruck.
Auf der Zunge passiert mehr als Süße
Lass eine kleine Portion langsam im Mund verteilen. Was bemerkst du zuerst, und was bleibt nach dem Schlucken? Neben der Süße können beispielsweise bittere oder fruchtig wirkende Eindrücke auftreten. Beschreibe außerdem, wie kräftig du etwas wahrnimmst und wie lange der Eindruck anhält. „Mild“ und „intensiv“ beschreiben dabei eine Stärke, noch keine persönliche Rangfolge.
Achte getrennt darauf, wie sich der Honig anfühlt: fließend, zäh, cremig oder deutlich körnig. Die professionelle Honigbewertung betrachtet unter anderem Konsistenz, Geruch und Geschmack als eigene Kriterien. Für unsere kleine Verkostung ist diese Trennung hilfreich. Ein Honig kann im Aroma gefallen, während seine grobe Kristallstruktur als ungewohnt empfunden wird. Diese Beobachtungen dürfen nebeneinander stehen.
Kristalle erzählen von der Zuckerzusammensetzung
Wenn Honig fest wird, bedeutet das für sich genommen keinen Verderb. Viele Honige kristallisieren von Natur aus. Wie schnell das geschieht, hängt unter anderem von den enthaltenen Zuckern, vom Wassergehalt, vorhandenen Kristallisationskeimen und der Temperatur ab. Besonders Glucose spielt dabei eine Rolle. Einige Honige bleiben lange flüssig, andere verändern ihre Konsistenz vergleichsweise rasch.
Durch fachgerechtes Rühren während der Kristallisation lässt sich eine feine, streichfähige Struktur erreichen. Cremiger Honig entsteht dabei durch den Umgang mit den Kristallen; seine Konsistenz erfordert keine zugesetzte Sahne. Vergleiche beim Probieren deshalb auch Texturen. Feine Kristalle können kaum spürbar sein, größere deutlich auf der Zunge liegen. Diese Unterschiede erklären viel von dem, was wir im Alltag pauschal als „cremig“ oder „fest“ bezeichnen.

Ein Aroma ist ein Hinweis auf Herkunft
Die botanische Herkunft prägt charakteristische Eigenschaften von Honig. LAVES beschreibt beispielsweise Robinienhonig als mild und schwach blumig, Lindenhonig dagegen mit einem ausgeprägten, häufig mentholartigen Aroma. Solche Beschreibungen sind Orientierungspunkte. Sie machen uns auf mögliche Eindrücke aufmerksam, verpflichten aber niemanden, in jedem Glas genau dieselben Nuancen zu finden.
Für eine verlässliche Sortenbeurteilung werden sensorische Eindrücke mit weiteren Untersuchungen verbunden, etwa Pollenanalyse und physikalisch-chemischen Merkmalen. Aus einer gelungenen Verkostung wird deshalb noch kein Herkunftsnachweis. Deine persönliche Vorliebe braucht dagegen keine Laborbestätigung. Vielleicht gefällt dir ein milder Honig zum Frühstück besonders gut, während dich ein kräftigerer beim bewussten Probieren überrascht. Beides darf sich mit der Erfahrung verändern.
Am schönsten wird der Vergleich im Gespräch
Probiert ihr gemeinsam, kann zunächst jede Person ihre Eindrücke für sich notieren. Erst danach werden die Beschreibungen ausgetauscht. So wird aus „schmeckt anders“ eine interessante Frage: Anders in Duft, Stärke, Nachklang oder Mundgefühl? Es gibt keinen Anlass, sich für einen ungewohnten Vergleich zu schämen. Unsere Erinnerungen sind verschieden, und auch die Worte dafür müssen sich erst entwickeln.
Wer unsere Honige direkt vergleichen möchte, kann uns auf dem Weihnachtsmarkt der Waldorfschule in Kassel besuchen: Dort bieten wir eine Verkostung aller unserer Sorten an. Das gemeinsame Probieren verbindet das Glas mit den Menschen und der Imkerei dahinter. Vielleicht bleibt am Ende eine neue Lieblingssorte. Vielleicht auch nur ein genauerer Blick auf den nächsten Löffel. Beides ist ein schöner Anfang.
Quellen & weiterführende Informationen
- LWG Bayern: Sensorik von Honig (PDF)Getrennte Beschreibung von Aussehen, Geruch, Geschmack und Textur; Beispiele für sensorische Begriffe.
- LWG Bayern: Neue Honigprüfer ausgebildetEinblick in die professionelle Bewertung mit eigenen Kriterien für Konsistenz, Geruch und Geschmack.
- LAVES, Institut für Bienenkunde Celle: Honig-Kristallisation (PDF)Zuckerspektrum, Temperatur und Kristallbildung; feine Konsistenz durch fachgerechtes Rühren.
- LAVES: Was ist ein Sortenhonig?Typische Aromamerkmale und Zusammenspiel von Sensorik, Pollenanalyse und chemisch-physikalischen Merkmalen bei der Herkunftsbeurteilung.
- Bundesinformationszentrum Landwirtschaft: Honig – Was bedeuten die Angaben auf dem Etikett?Verbraucherinformation zur Vielfalt von Honigen und zu natürlicher Kristallisation als gewöhnlicher Eigenschaft.
