Ein lustiger Name für eine unsichtbare Spur
„Käsefüße“ klingt nach einem Geruch, von dem man lieber Abstand hält. Bei Hummeln beschreibt das Wort eine populäre Vorstellung von chemischen Spuren an ihren Füßen. Die Universität Bristol griff das Bild der „smelly feet“ auf, als sie 2017 Forschung zur Unterscheidung solcher Abdrücke vorstellte. Der Ausdruck ist ein Türöffner für eine überraschende Fähigkeit. Ein Nachweis, dass Hummelfüße für Menschen nach Käse riechen, ist damit nicht gemeint.
Für die Tiere zählt eine andere Frage: Welche Information steckt auf einer Oberfläche? Eine Blüte kann Nahrung anbieten und zugleich Spuren vorheriger Besucher tragen. Beides gehört für eine suchende Hummel zur Umgebung. Unsere Augen erfassen Farbe, Gestalt und Bewegung. Ein Teil dessen, was die Entscheidung der Hummel beeinflusst, bleibt dabei außerhalb unserer Wahrnehmung. Schon deshalb lohnt es sich, ihr kurzes Zögern ernst zu nehmen.
Was beim Auftreten zurückbleibt
An den letzten Abschnitten der Beine, den Tarsen, befinden sich Stoffgemische, zu denen langkettige Kohlenwasserstoffe gehören. Berührt das Tier eine Oberfläche, können kleinste Mengen solcher Stoffe zurückbleiben. In Versuchen zur chemischen Zusammensetzung wurden entsprechende Mischungen an Hummelfüßen untersucht und mit der Reaktion sammelnder Tiere in Verbindung gebracht. Solche Spuren sind Teil einer Welt, in der Berührung auch chemische Information hinterlassen kann.
Ein Fußabdruck braucht dafür weder eine sichtbare Vertiefung noch einen kräftigen Duft in der Luft. Die geringe Menge macht ihn für uns unscheinbar. Für die Hummel kann der Kontakt mit einer besuchten Oberfläche dennoch einen Unterschied bedeuten. Das Wort „Duft“ sollte deshalb nicht zu der Vorstellung verführen, jedes Tier erkenne aus großer Entfernung eine schwebende Wolke über der Blüte. Entscheidend sind auch Nähe, Landung und die Prüfung der Oberfläche.

Eine Blüte bewahrt etwas von ihrem Besuch
Die Spuren sind mehr als ein Effekt künstlicher Futterstellen. Thomas Eltz untersuchte sie an echten Blüten der Gefleckten Taubnessel, die von Ackerhummeln besucht wurden. Mit chemischen Analysen ließ sich Hummelmaterial auf den Blüten nachweisen. Die Menge bestimmter zurückgelassener Stoffe hing mit der Zahl der Besuche zusammen. Die Oberfläche einer Blüte kann damit eine chemische Geschichte ihrer Besucher tragen.
Ein früherer Besuch ist bei der Nahrungssuche interessant, weil eine andere Hummel bereits Nektar aufgenommen haben könnte. Die Spur liefert allerdings keine vollständige Bestandsaufnahme des Blüteninneren. Wie viel Nahrung noch vorhanden ist oder inzwischen nachgebildet wurde, hängt von weiteren Umständen ab. Der Fußabdruck ist ein Hinweis auf das Geschehen an der Blüte. Die suchende Hummel muss ihn mit ihrer Erfahrung verbinden. Für uns macht dieser Zusammenhang eine vertraute Blumenwiese auf einmal informationsreicher.
Eigene Füße, vertraute Füße, fremde Füße
Pearce, Giuggioli und Rands untersuchten 2017 Erdhummeln an künstlichen Blüten. In drei Versuchsreihen kombinierten sie Zuckerwasser beziehungsweise Wasser mit unterschiedlichen Fußspuren: eigene Spuren gegenüber unbesuchten Oberflächen, eigene gegenüber denen von Nestgenossinnen und Spuren von Nestgenossinnen gegenüber denen fremder Völker. Die Tiere bekamen wiederholt Gelegenheit, eine Spur mit lohnender oder nicht lohnender Nahrung zu verknüpfen.
Die Hummeln konnten diese Bedingungen unterscheiden und ihr Besuchsverhalten entsprechend verändern. Wenn beide angebotenen Blütentypen Spuren trugen, fiel die Unterscheidung schwerer. Damit zeigte die Studie eine bemerkenswerte Lernleistung unter kontrollierten Bedingungen. Sie bewies weder ein menschliches Wiedererkennen einzelner Personen noch eine angeborene Vorliebe für jede vertraute Fußspur. Die Verknüpfung zwischen einer unterscheidbaren Spur und dem Futterangebot war ein wesentlicher Teil des Versuchs.
Eine Nachricht, die niemand schreiben muss
Eine Spur kann einem anderen Tier helfen, ohne eigens für dessen Information abgegeben worden zu sein. Diese Unterscheidung ist in der Verhaltensbiologie wichtig. Ein gezielt zur Verständigung entstandenes Signal und ein beiläufig hinterlassener Hinweis können beide das Verhalten beeinflussen. Daraus folgt noch nicht, dass sie auf dieselbe Weise entstanden sind oder dieselbe Funktion haben.
Wilms und Eltz verglichen Fußspuren, die Hummeln an verschiedenen Stellen hinterließen. Ihre Ergebnisse stützten die Erklärung, dass sammelnde Hummeln allgemeine chemische Abdrücke nutzen, statt jede geleerte Blüte mit einer besonderen Warnbotschaft zu versehen. Das Bild eines Schildes mit der Aufschrift „Schon leer!“ ist deshalb zu einfach. Die Information entsteht aus der Spur, dem Ort und der Erfahrung des Empfängers. Eine Blüte wird nicht allein dadurch unattraktiv, dass irgendwann eine Hummel auf ihr gestanden hat.
Am Eingang zählt der letzte kleine Weg
Chemische Spuren können auch am Nest eine Rolle spielen. Eine Studie von 2023 untersuchte Erdhummeln in einer Versuchsumgebung, in der gelernte optische Orientierungshilfen auf unterschiedliche mögliche Nesteingänge verwiesen. Geruchsspuren in der Nähe eines vermeintlichen Eingangs beeinflussten, wo die Tiere suchten. Die Forschenden konnten damit zeigen, wie zusätzliche chemische Information bei einer optisch mehrdeutigen Situation helfen kann.
Für die Einordnung zählt die räumliche Nähe: Die Studie beschreibt vor allem die Suche am Boden und nahe beim Eingang. Daraus wird kein Duftweg, dem eine Hummel kilometerweit durch die Landschaft folgt. Das Beispiel ergänzt vielmehr ihre übrigen Fähigkeiten. Optische Anhaltspunkte können sie in die richtige Gegend bringen; auf den letzten kleinen Wegen kann eine bekannte chemische Umgebung zusätzliche Orientierung liefern. Was uns wie eine einfache Öffnung erscheint, ist für die Hummel in mehrere Wahrnehmungswelten eingebettet.
Beim nächsten Blütenbesuch genauer hinschauen
Beobachte einmal mehrere Besuche an derselben Pflanze. Welche Blüten werden angeflogen, welche nur kurz geprüft? Wo landet die Hummel, und wann streckt sie ihren Rüssel aus? Ein einzelner abgebrochener Besuch verrät den Grund noch nicht. Die Blüte könnte ungünstig geformt sein, wenig Nahrung bieten oder andere Hinweise tragen. Gerade diese Offenheit macht das Beobachten interessant: Erst das Muster mehrerer Besuche eröffnet neue Fragen.
Die feinen Spuren musst du dafür weder sichtbar machen noch mit selbst angesetzten Duftstoffen nachstellen. Eine ruhige Beobachtung lässt Pflanze und Tier in ihrem Zusammenhang. Das Wissen um die chemischen Fußabdrücke verändert schon den Blick. Wo eben noch dieselbe Blüte zu stehen schien, liegt vielleicht eine neue Information. Die Hummel fliegt weiter. Von ihrem Besuch bleibt etwas zurück, das die nächste Entscheidung mitprägen kann.
Quellen & weiterführende Informationen
- University of Bristol (2017): Bumblebees’ smelly feet help determine where to find lunchEinordnung des populären Ausdrucks und Vorstellung der zugehörigen Forschung.
- Goulson et al. (2000): Identity and function of scent marks deposited by foraging bumblebeesPrimärstudie zu Stoffgemischen an den Tarsen und ihrer Wirkung bei der Nahrungssuche.
- Eltz (2006): Tracing pollinator footprints on natural flowersChemischer Nachweis von Ackerhummel-Fußspuren auf echten Taubnesselblüten.
- Pearce, Giuggioli & Rands (2017): Bumblebees can discriminate between scent-marks deposited by conspecificsKontrollierte Lernversuche mit eigenen Spuren, Nestgenossinnen und Tieren aus anderen Völkern.
- Wilms & Eltz (2008): Foraging scent marks of bumblebees: footprint cues rather than pheromone signalsUnterscheidung beiläufiger chemischer Hinweise von besonderen Markierungssignalen.
- Nest-associated scent marks help bumblebees localizing their nest in visually ambiguous situations (2023)Versuche zu Duftspuren als Nahbereichshilfe bei widersprüchlichen optischen Orientierungshinweisen.
