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Kuckucksbienen

Nachwuchs im fremden Nest

Am Eingang eines Bienennestes wartet ein kleines, auffällig gefärbtes Tier. Es trägt keinen Pollen. Es gräbt auch nicht. Sein Interesse gilt der Arbeit einer anderen Biene: einer fertigen Kinderstube mit Nahrung. Wer hier genauer hinsieht, entdeckt eine Lebensweise, die unser vertrautes Bild von der fleißigen Biene gründlich erweitert.

Rot, schwarz und gelb gezeichnete Wespenbiene der Art Nomada panzeri.
Makroaufnahme einer weiblichen Wespenbiene der Art Nomada panzeri. Foto: Janet Graham · CC BY 2.0. Bildnachweis

Eine Biene mit einem anderen Plan

Viele Wildbienenweibchen bauen Brutzellen, sammeln Pollen und Nektar und hinterlassen jedem Ei einen Vorrat. Kuckucksbienen nutzen diese Vorarbeit. Ihre Weibchen legen Eier in die Nester geeigneter Wirtsbienen. Der deutsche Name erinnert an den Vogel, der seinen Nachwuchs ebenfalls anderen anvertraut. Die Ähnlichkeit beschreibt eine Fortpflanzungsstrategie; eine besonders enge Verwandtschaft der so bezeichneten Bienen folgt daraus nicht.

Kuckucksbienen gehören zu mehreren Bienengruppen. Einige wirken schlank und wespenähnlich, andere erinnern stärker an die vertraute behaarte Biene. Ihr gemeinsamer Nenner liegt im Nest, nicht in einer einheitlichen Farbe. Das macht sie zu einem guten Gegenbeispiel für die Vorstellung, alle Bienen müssten dasselbe tun. Selbst innerhalb einer Tiergruppe kann es sehr verschiedene Wege geben, Nachkommen groß werden zu lassen.

In einer kleinen Vorratskammer

Beim Brutparasitismus wird die vorbereitete Nahrung einer Wirtsbiene zur Lebensgrundlage des fremden Nachwuchses. Je nach Art gelangt das Ei während einer bestimmten Phase des Nestbaus in die Zelle. Aus ihm schlüpft eine Larve, deren Entwicklung auf diese Situation abgestimmt ist. Das Ei oder die junge Larve des Wirts wird beseitigt; anschließend lebt die Kuckucksbienenlarve vom vorhandenen Nahrungsvorrat.

Der Bienenspezialist Paul Westrich erklärt den Unterschied zwischen Brut- und Sozialparasitismus ausführlich. Wichtig ist dabei: Eine solche Larve frisst gewöhnlich den Pollenvorrat und ist kein Räuber, der sich fortlaufend von anderen Bienenlarven ernährt. Das Geschehen bleibt für den betroffenen Wirtsnachwuchs tödlich. Biologisch handelt es sich dennoch um einen anderen Zusammenhang als bei einem Tier, das seine Beute jagt.

Wespenbienen sind tatsächlich Bienen

Bei Wespenbienen der Gattung Nomada kann der erste Blick täuschen: Gelbe oder rötliche Zeichnungen und wenig Behaarung lassen an Wespen denken. Viele Arten nutzen Sandbienen als Wirte. Eine sichere Bestimmung bis zur Art braucht allerdings oft kleine Merkmale, gute Aufnahmen und Erfahrung. „Gelb-schwarz und ohne Pollen“ genügt dafür nicht.

Ein anderes Beispiel ist die Auen-Buckelbiene Sphecodes albilabris, auch Auen-Blutbiene genannt. Ihr überwiegend roter Hinterleib fällt auf. Westrich dokumentiert die Frühlings-Seidenbiene Colletes cunicularius als zweifelsfreien Wirt. Hier bekommt das Wort Abhängigkeit eine genaue Bedeutung: Es geht nicht um irgendein Bienennest am Wegesrand, sondern um eine passende Wirtsart. Wer die kleine rote Biene versteht, muss deshalb auch nach der Seidenbiene fragen – und nach deren Lebensraum.

Auch ohne Pollenhöschen an der Blüte

Erwachsene Kuckucksbienen benötigen eigene Nahrung. Weibchen und Männchen besuchen Blüten vor allem, um Nektar aufzunehmen; auch das Fressen von Pollen ist beobachtet worden. Was entfällt, ist das Sammeln und Eintragen eines Pollenvorrats für die eigenen Larven. Die Weibchen besitzen deshalb keine dafür spezialisierten Sammelvorrichtungen wie die Pollenbürsten vieler anderer Wildbienen.

Das erklärt, weshalb eine Blütenbeobachtung allein wenig über das Nestleben verrät. Ein Tier kann regelmäßig an einer Pflanze trinken, ohne deren Pollen für Nachwuchs zu sammeln. Umgekehrt sind Männchen nestbauender Bienen ebenfalls keine Pollensammler für Brutzellen. Das fehlende Pollenpaket macht eine Biene daher noch nicht zur Kuckucksbiene. Es ist ein Hinweis, dem weitere Beobachtungen folgen müssen, keine fertige Diagnose.

Wenn Kuckuckshummeln ein Nest übernehmen

Bei Kuckuckshummeln kommt eine soziale Gemeinschaft ins Spiel. Ihre Weibchen suchen bereits gegründete Nester passender Hummelarten auf. Sie können die dortige Königin überwältigen und die Arbeiterinnen des Wirts für die Aufzucht ihrer Nachkommen nutzen. Diese Sozialparasiten bringen neue Weibchen und Männchen hervor, aber keine eigene Arbeiterinnenkaste.

Das unterscheidet sie von der Kuckucksbiene in einer einzelnen, bevorrateten Brutzelle. Hier wird nicht nur ein Futterpaket genutzt: Die Pflege durch lebende Arbeiterinnen ist Teil der Strategie. Der Bumblebee Conservation Trust beschreibt diesen Nestwechsel im Zusammenhang mit dem Hummeljahr. Auch in diesem Fall gilt: Der Ablauf hängt von den beteiligten Arten ab. Nicht jedes Hummelnest wird übernommen, und nicht jede große Hummel ohne sichtbaren Pollen ist eine Kuckuckshummel.

Hinter einer Biene stehen manchmal drei Leben

Eine Kuckucksbiene braucht ihre Wirtsbiene. Diese benötigt einen passenden Nistplatz und Nahrungspflanzen. Ist der Wirt auf bestimmte Pollenquellen spezialisiert, reicht die Abhängigkeit bis zu diesen Pflanzen zurück. Mit dem Verlust einer solchen Verbindung kann deshalb mehr verschwinden als die Art, die uns zuerst auffällt.

Ein von der Xerces Society veröffentlichtes Artenporträt zeigt das am nordamerikanischen Epeoloides pilosula: Sein Schutz hängt mit dem Erhalt der Schenkelbienen und ihrer Gilbweiderich-Pflanzen zusammen. Das ist kein Nachweis für die Situation jeder deutschen Kuckucksbiene, macht aber die Struktur des Problems anschaulich. Naturschutz muss gelegentlich eine ganze Beziehung erhalten. Ein schön bepflanztes Beet ersetzt diese Verbindung nur dann, wenn die entscheidenden Partner dort tatsächlich passende Bedingungen finden.

Rosa blühende Pflanzen in einer sommerlichen Wiese.
Eine blütenreiche Wiese bietet Nahrung für viele Bienen. Zum Lebensraum von Kuckucksbienen gehören zusätzlich passende Wirtsarten und ihre Nistplätze. Foto: ElkeKrebs260263 · CC BY-SA 4.0. Bildnachweis

Geduld am Nesteingang

Wer Kuckucksbienen beobachten möchte, kann an einem bekannten Wildbienennistplatz aus Abstand warten. Interessant sind Tiere, die Eingänge prüfen, in der Nähe sitzen bleiben oder während der Abwesenheit einer anderen Biene hineingehen. Fotografiere möglichst mehrere Ansichten und notiere Datum, Ort sowie die dort nistenden Bienen. Solche Angaben helfen bei einer späteren fachlichen Einordnung.

Aus einer einzelnen Szene lässt sich noch keine erfolgreiche Eiablage ableiten. Auch ein fremdes Tier am Eingang muss nicht automatisch ein Brutparasit sein. Öffne deshalb keine Zellen, um den Verdacht zu bestätigen. Die verdeckte Entwicklung gehört zum Leben des Nestes. Eine gute Beobachtung kann mit einer offenen Frage enden. Gerade darin liegt ihr Reiz: Man entdeckt eine zweite Geschichte hinter der ersten, ohne sie für einen schnellen Beweis zerstören zu müssen.

Kein Schurke im Naturgarten

Die Bezeichnung „Parasit“ beschreibt ein biologisches Verhältnis, kein moralisches Urteil. Für die Wirtsbiene bedeutet ein erfolgreicher Befall einen Verlust. Für die Kuckucksbiene ist derselbe Vorgang der Beginn ihres Lebens. Beide Perspektiven gehören zu einer vollständigen Betrachtung. Eine Landschaft nur für die besonders nützlich oder sympathisch wirkenden Arten auszuwählen, würde einen wesentlichen Teil ihrer Vielfalt ausblenden.

Erhalte deshalb Nistplätze und passende Nahrungspflanzen, statt verdächtige Besucher zu entfernen. Das Auftreten einer Kuckucksbiene kann auf vorhandene Wirte hinweisen, ist für sich genommen aber kein umfassendes Qualitätssiegel für den ganzen Garten. Es zeigt vor allem: Hier findet mehr statt, als Pollensammeln und Blütenbestäubung auf den ersten Blick erzählen. Zwischen Pflanzen, Nestern und Bienen besteht ein Beziehungsgeflecht. Die ungewöhnlichen Lebenswege gehören mit dazu.

Quellen & weiterführende Informationen

  1. Paul Westrich: Parasitische Bienen – Brut- und Sozialparasitismus
  2. Paul Westrich: Steckbrief Sphecodes albilabris
  3. Paul Westrich: Blütenbesuch der Männchen und Kuckucksbienen
  4. Bumblebee Conservation Trust: Bumblebee nests – einschließlich Kuckuckshummeln
  5. Xerces Society / John S. Ascher: Cuckoo bees – Epeoloides pilosula