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Ein Frühling, ein ganzes Leben

Ein Jahr im Leben einer Mauerbiene

Im Frühling ist sie plötzlich da: eine pelzige Biene, die vor einer Wand nach kleinen Öffnungen sucht. Einige Wochen später ist sie verschwunden. Ihr Jahr endet damit nicht. Hinter einem Verschluss aus Erde wächst längst die nächste Generation heran. Wir folgen hier der Gehörnten Mauerbiene, Osmia cornuta. Ihr Lebenslauf zeigt, wie viel Zeit zu einem Bienenleben gehört, die wir niemals zwischen den Blüten sehen.

Eine Gehörnte Mauerbiene sitzt vor einem dunklen Hohlraum im Holz.
Eine Gehörnte Mauerbiene (Osmia cornuta) an einem Hohlraum. Unser Jahreslauf folgt dieser früh im Frühjahr fliegenden Art. Foto: Björn S... · CC BY-SA 2.0. Bildnachweis

Der erste Ausflug beginnt hinter einer Wand

Die neue Generation verbringt den Winter bereits als fertig entwickelte Biene im Kokon. Im Frühjahr arbeitet sie sich aus dieser Hülle und durch den Nestverschluss nach draußen. Meist erscheinen die Männchen einige Tage vor den Weibchen. Bei der Gehörnten Mauerbiene kann das in milden Lagen schon sehr früh im Jahr geschehen; häufig beginnt die sichtbare Saison im März. Wetter und Standort verschieben den Termin.

Die Männchen erkennt man unter anderem an ihrer hellen Gesichtsbehaarung. Weibchen tragen die namensgebenden kleinen Hörnchen am Kopf. Eine ähnlich bekannte Art, die Rostrote Mauerbiene Osmia bicornis, erscheint gewöhnlich später. Mauerbiene ist also kein einheitlicher Frühlingskalender. Auch innerhalb derselben Art stimmen die Bedingungen eines warmen Stadtgartens nicht unbedingt mit denen eines kühleren Standorts überein.

Ein vorhandener Hohlraum wird zur Kinderstube

Nach der Paarung sucht das Weibchen einen geeigneten Nistplatz. Es nutzt vorhandene Hohlräume, etwa in Mauern, Pflanzenröhren oder gut gebauten Nisthilfen. Der Name Mauerbiene bedeutet deshalb nicht, dass sie ausschließlich in Mauerwerk lebt. Entscheidend ist ein brauchbarer Raum für die Brutzellen. Geeignete Öffnungen werden angeflogen und geprüft, bis eine davon zum Nest wird.

Die Gehörnte Mauerbiene lebt solitär. Jedes Weibchen baut und versorgt seine eigenen Zellen; es gibt keine Arbeiterinnenschar, die Futterflüge übernimmt. Viele Weibchen können trotzdem direkt nebeneinander nisten. Was an einer gut besuchten Nistwand wie gemeinsamer Betrieb aussieht, besteht aus zahlreichen eigenständigen Lebensgeschichten. Für jedes Weibchen müssen in seiner kurzen Flugzeit Platzsuche, Bauen, Sammeln und Eiablage zusammenpassen.

Eine Zelle, ein Ei und Nahrung für die ganze Larvenzeit

Im länglichen Nistgang entstehen die Zellen gewöhnlich hintereinander. Das Weibchen sammelt Pollen und Nektar als Nahrung für die Nachkommen. Den Pollen trägt es in einer dichten Haarbürste an der Unterseite des Hinterleibs. Feuchte Erde oder Lehm wird zum Baumaterial für die Trennwände. Zwischen Blüte, Materialstelle und Nest liegen immer neue Flüge.

Ist der Vorrat für eine Zelle vollständig, legt das Weibchen ein Ei ab und verschließt den Raum. Erst dann folgt die nächste Zelle. Es kehrt nicht wie eine Honigbienenamme täglich zurück, um die Larve weiterzufüttern. Alles, was sie für ihr Wachstum benötigt, muss bereits bereitliegen. Zum Schluss schützt ein äußerer Verschluss die Anlage. Hinter ihm liegt eine Reihe kleiner Vorratskammern, aus denen einmal die nächste Frühjahrsgeneration hervorgehen soll.

Weiße Frühlingsblüten hängen zwischen grünen Blättern über dem Boden.
Frühlingsblüten aus unserem Bildarchiv. Die kurze Flugzeit der Mauerbienen braucht erreichbare Nahrung, Hohlräume und Baumaterial. Foto: Bertram Reich. Bildnachweis

Während draußen Sommer wird, beginnt die Verwandlung

Aus dem Ei schlüpft eine beinlose Larve. Sie frisst den angelegten Vorrat und wächst, ohne dafür ihre Brutzelle zu verlassen. Später spinnt sie einen Kokon. Darin folgen weitere Entwicklungsschritte bis zur Puppe und schließlich zur fertigen Biene. Der Kokon ist dabei die schützende Hülle; Puppe bezeichnet ein Entwicklungsstadium des Tieres. Beides ist nicht dasselbe.

Bei der Gehörnten Mauerbiene wird die Verwandlung zum erwachsenen Tier noch im Jahr der Eiablage abgeschlossen. Ein stilles Röhrchen im Sommer kann also verschiedene Stadien verbergen. Die im Frühjahr beobachtete Mutter lebt dann gewöhnlich schon nicht mehr. Ihr Nachwuchs entwickelt sich mit dem, was sie hinterlassen hat. Zwischen den Generationen liegt kein gemeinsamer Familienalltag, sondern eine sorgfältig vorbereitete Versorgung.

Der Winter gehört der fertigen Biene im Kokon

Im Herbst wartet im Nest bereits ein voll entwickeltes Insekt auf den nächsten Frühling. Es fliegt noch nicht aus, obwohl Beine, Fühler und Flügel vorhanden sind. Die Gehörnte Mauerbiene hat nur eine Generation im Jahr. Den langen verborgenen Abschnitt ihres Lebens verbringen die Tiere am Ort der Entwicklung, bis die passenden Bedingungen für das Verlassen des Nestes eintreten.

Das erklärt, weshalb ein verschlossener Nistgang im Winter kein leerer Raum ist. Eine belegte Nisthilfe gehört weiterhin an einen geeigneten, wettergeschützten Platz draußen. Ein warmes Wohnzimmer kann den zeitlichen Ablauf stören und Tiere zu früh zum Ausfliegen bringen. Auch Aufkratzen und pauschales Reinigen der Verschlüsse ist keine Winterpflege. Wer im April Bienen beobachten möchte, muss ihre unsichtbaren Monate mitdenken.

Ein neues Jahr braucht mehr als ein freies Röhrchen

Wenn im nächsten Frühjahr wieder Männchen am Nestausgang erscheinen, schließt sich der Jahreskreis. Die sichtbaren Flugwochen gehören zu einem Leben, das lange vorher als Ei begonnen hat. Nahrungspflanzen müssen nun ebenso erreichbar sein wie passende Hohlräume und feuchtes Baumaterial. Die Gehörnte Mauerbiene nutzt Pollen verschiedener Pflanzenfamilien; früh blühende Gehölze und Kräuter können ihre kurze Saison versorgen.

Zum Beobachten genügt Abstand und Geduld. Ein verschlossener Eingang lässt sich fotografieren und über die Monate vergleichen, ohne ihn zu öffnen. Besonders gut zeigen wiederholte kurze Besuche, wie unterschiedlich eine Nistwand im März, Juni und Januar wirkt. Diese häufige Mauerbiene ist ein wunderbarer Zugang zur Wildbienenwelt. Zu deren ganzer Vielfalt gehören aber auch Arten, deren Nester unter der Erde oder in ganz anderen Strukturen verborgen liegen.

Quellen & weiterführende Informationen

  1. Paul Westrich: Gehörnte Mauerbiene – Osmia cornutaArtspezifische Merkmale, Nistweise, Pollenquellen, Flugzeit und Überwinterung als fertige Biene.
  2. Paul Westrich: Solitäre BienenLebenszyklus von Osmia cornuta, Versorgung einzelner Brutzellen und Trennung der Generationen.
  3. Paul Westrich: Entwicklung der BieneEi, Larve, Kokon, Puppe und Vollinsekt; die bebilderte Entwicklungsfolge auf der Quellenseite zeigt Osmia bicornis.
  4. Hans-Jürgen Martin: Gehörnte Mauerbiene – Osmia cornutaAbgrenzung zur später erscheinenden Rostroten Mauerbiene sowie Merkmale und Nestbau.
  5. Hans-Jürgen Martin: Handhabung und Pflege von NisthilfenGanzjährige Aufstellung im Freien, Risiken warmer Überwinterung und Schutz belegter Nistgänge.